Unser Film beginnt mit Abspann und Vorhang: Nach dem letzten Konzert der letzten Tour hatten die Erdmöbel wieder Lust, ins Studio zu gehen, um die bei den Konzerten gespielten Songs in den Live-Versionen noch einmal aufzunehmen. Raus aus dem träumerischen, swingenden, computergenerierten Studiopop von "Altes Gasthaus Love", rein in die Interaktion zwischen Akustikgitarren, Kontrabass, Schlagzeug, Gesang, Wurlitzer, Akkordeon, Gebläseorgel... Polaroids von den herumgereisten Songs, "Fotoalbum", auf denen man ihnen die Bühnen, die Fans, die langen Busfahrten, die Soundchecks und das nachmittägliche Warten auf das Konzert am Abend ansieht. Als Band , die sich langsam vom - nun ja - Liedermacher-Pop, zum Folkrock, zum großen Pop im Sinne von Prefab Sprout, Pet Shop Boys, Sparks etc. bewegte und in deren Werk Remixe eine so große Rolle spielen, sind die Erdmöbel eine Band der Bewegungen und Umformungen. Wie am Ende des Konzertes in München vor einigen Tagen "Der blaue Himmel" von der federleichten albumnahen Version in den eigenen Remix, fast in die Kakophonie und wieder zurück an den Ursprung wanderte. Überhaupt ein sehr wundervolles Konzert. Ein Wohnzimmergig im halbvollen Orangehouse. Mit westfälischer Herzlichkeit (schon lange in Köln ansässig, stammen sie ja eigentlich aus Münster). Dementsprechend bildete das Publikum eine westfälische Reihe (so nennt man das in Pädagogenkreisen): ebenso viele Mädchen wie Jungs, abwechselnd nebeneinander stehend, der männliche Teil nickte mit, der weibliche tanzte. Music girls can dance to - ist ja auch das Ziel der ganz wundervollen Franz Ferdinand, vielleicht sollten sie lieber mit den Erdmöbeln auf Tour gehen, anstatt im Vorprogramm der Sportfreunde Stiller zu spielen. Das ("Aufnahme"-)Licht geht an: ein fast barjazzmäßiges "Anfangs Schwester heißt Ende", das nach ein paar Taktes in Richtung MTV-"Unplugged" abdreht. "Im ersten Stock tanzen wir Boss/a Nova" - beim "/" kippt die Stimme von Markus um, zu hoch diese Töne, klingt aber gut. Ein leises Lachen. Leicht verwackelt dieses Foto - aber von hohem ästhetischem Wert. Der ursprüngliche Elektro-Shuffle "In den Schuhen von Audrey Hepburn" kommt hier ebenfalls akustisch reduziert. "Der blaue Himmel" gibt's mit Sample und Drum-Computer, wenn auch nicht in der ausufernden Live-Version - eher eine Lomographie. Aber der Himmel ist drauf. Der Sucher auf "Fotoalbum" ist eh sehr gut eingestellt, bildschöne Versionen ihrer tollsten Songs: "Das Best von Osten", "Ich weine", "Die Devise der Sterne", "Genau wie ich mir es wünsche" (ohne Hall noch eingängiger), "Dreierbahn" und natürlich "Tätowiert von innen". Bei Letztgenanntem spürt man eine Wehmut, die dem Original nur versteckt innewohnt. Und die Zeilen "Ein ander'n Mal wäre sie gern wie die Proletin da/ Wird gleich Poetin, denkt: So eine ist doch wohl mehr Schiff als Frau/ Ihre Gracht ist diese feste weiße Thrombosestrumpfhose/ Darin auf Zentnern dummer Suppe fährt das kleine stolze Boot" bleiben natürlich unerreicht. In diesem Jahr wird's wohl keine Tour mehr geben, aber vielleicht treffen wir die Erdmöbel auf dem ein oder anderen Festival im Sommer wieder. So lang hilft "Fotoalbum" (übrigens auch eine perfekte Einsteigerplatte), denn hier musizieren sie schöner denn je.