Eine Sammlung loser Enden

Erdmöbel schöpfen für ihr neues Album aus der Poesie der Ereignislosigkeit

Christian Buss

Was wäre eigentlich, wenn sie uns alle nur belogen hätten, die Helden der Popmusik? Es ist doch durchaus vorstellbar, dass es sich bei sämtlichen Klassikern der Popmusik, in der die Liebe als schicksalsschweres Ereignis in Szene gesetzt wird, um nichts anderes als die Kaschierung ganz unschicksalhafter Paarungsvorgänge handelt. Man glaubt an diese Lieder, weil man an sie glauben will.

Für die, die nicht wissen, wie sie weiter an den schamlos zelebrierten Illusionismus der Popmusik glauben können, gibt es nun ein neues Werk der Kölner Band Erdmöbel. Es trägt den Titel "Für die nicht wissen wie". Keine Sorge, es geht auf dem Album nicht um die Negierung der Liebe. Aber sie funkelt hier eben aus ungewöhnlichen popsongfremden Szenarien hervor. Erdmöbel singen über das Unbestimmte und das Ungeklärte, über die Indifferenz und die Ereignislosigkeit. Über die Momente, die andere Popmusiker- und Texter nicht des Beschreibens wert halten.

Eine eigentümliche emotionale Unentschiedenheit tut sich dem Hörer da auf. Statt Happy Endings findet man auf "Die nicht wissen wie" eine Sammlung loser Enden. Der Erzähler beschreibt präzise, aber er liefert keine linearen Geschichten, in denen die Figuren ihrer Erfüllung zustreben oder sich selbst als Vollstrecker des eigenen Schicksals positionieren können. Eines der schönsten Lieder heißt bezeichnenderweise "Lied über gar nichts". Man kann dabei sehr gut Liebe machen. Oder auch kalt duschen.

Mit Nihilismus, wie man denken könnte, hat das nichts zu tun. Erdmöbel, das hört man in jeder Sekunde, lieben das Leben, aber dieses Leben fühlt sich für den Erzähler nun mal so sonderbar unbestimmt an wie, so heißt es einmal im Text, für "irgendein Wochen vor der Zeit entlassenenes Au Pair Girl". Die Welt ist ein Wartesaal, und die Herren von Erdmöbel, vier mittelalte Brillen-, Mittelscheitel und Topfschnittträger, füllen diesen Wartesaal mit den herrlichsten Harmoniegesängen und der reizendsten Zeittotschlager-Dichtung. In dem schon zitierten Lied "Au Pair Girl" heißt es weiter: ".dann zum See nur hundert Schritte/und ich bin aller Dinge ledig/leg auf den Kieselstrand mein Handtuch/und schlafe ein/als stünde nichts bevor".

Erdmöbel verfügen über eine atemberaubende Lässigkeit und eine formvollendete Leichtigkeit. Ihre musikalischen Ahnen sind ganz klar im Easy-Listening-Pop zu finden, von dessen klassischen Kompositionen sie für dieses Album gleich zwei ins Deutsche übertragen haben. Gerade "(They Long To Be) Close To You" von Burt Bacharach und Hal David entwickelt bei all der besungenen Sehnsucht eine sonderbare Schärfe. Sänger Markus Berges spricht ohne Eile die deutsche Version, den Evergreen: "Sag mir, wo kommen all die Tiere her, die so tun, als ob nichts wär'? So wie ich wünschen sie sich nah bei Dir."

Das ist das Kunststück von Erdmöbel: Schwerelos zu klingen und dabei doch niemals unverbindlich zu sein. So hört sich Popmusik an, die frei ist von jedem Illusionismus, sich dann aber doch salopp zu jenem Thema hinswingt, das uns eben niemals los lässt: so was wie Liebe.