Plattenkritik vom 10.09.2005
Bastian Küllenberg, Bonn


Band: Erdmöbel
Titel: Für die nicht wissen wies
VÖ: 05.09.2005
Label: Tapete Records


Die Popliebhaber von Erdmöbel sind eine der Bands, die seit Jahren wundervolle Alben in deutscher Sprache veröffentlichen, von dem ganz großen Geldregen bisher aber verschont blieben. Die Kritiken überschlagen sich freilich ein ums andere Mal, anlässlich luftig leichter Geniestreiche, wie zuletzt "Altes Gasthaus Love" im Jahre 2003. Dabei gilt es ebenso regelmäßig vor dem Genuss der Alben, eine nicht zu unterschätzende Hürde zu überwinden. So ist die Musik, die Erdmöbel spielen, stets besonders sanft und träumerisch. Auch die Stimme von Sänger und Songschreiber Markus Berges schwankt zwischen Naivität und Süßlichkeit. Dieses übermaß an Wohlklang kann den ein oder anderen Hörer vorschnell abschrecken. Zu leicht lassen sich deutschsprachige Künstler, die statt auf verzerrte Gitarren, häufiger auf Klavier und sanfte Bläser setzten, als Schlager brandmarken. Eben dieses Problem der Vorurteile, verbindet Erdmöbel mit seltenen emotionalen Großmeistern wie Blumfeld. Doch ebenso wie bei den Hamburgern, ließe sich hier kein schlimmerer Irrtum erdenken, als die Band überhastet als kitschig abzutun. Dass Erdmöbel seit langer Zeit ihren Status als Geheimtipp für musikalische Feinschmecker halten, liegt am Gesamtkonzept der Band.

Klanglich orientiert man sich also auch auf "Für die nicht wissen wie" wieder am Lounge und Easy Listening der 60er Jahre. In der Tradition Burt Bacharachs, der mit "Nah bei dir" interpretiert wird, versucht sich die Band unter der Leitung von Produzent und Knöpfchenbediener Ekimas am zurückhaltenden Pop. Die Lieder schmeicheln sich unaufhaltsam in den Gehörgang. Den größten Teil der Faszination machen dabei aber die unvergleichbaren Texte von Markus Berges aus. Die Liebe und Hingabe, mit der er die deutsche Sprache behandelt und in der Popmusik selten gehörte Wörter in immer neue Zusammenhänge stellt, sucht in der gegenwärtigen Musiklandschaft ihresgleichen mit der Lupe. Mit Thees Uhlmann und Jochen Diestelmeyer zählt Berges zu den ganz großen der deutschen Dichterzunft. Während aber Tomte ihre Stärken im Verkopften haben und Diestelmeyer sich mit der Zeit dem mahnenden Predigerstil verschrieben hat, überzeugen Erdmöbel-Lieder durch schwelgerische Leichtigkeit und Alltagspoesie der Sonderklasse. Berges ist der Lyriker, der sich nicht scheut Gedichte und Kurzgeschichte in die Grenzen des Songtextes zu verweisen. Dabei tauchen in seinen Erzählungen Charaktere auf, die vielleicht nicht jeder persönlich kennt, aber trotzdem für ihre Eigenarten schätzt. Daneben entführen Erdmöbel an magische Orte von alltäglicher Schlichtheit, wie das Hansablick Hotel Garni in "Für die nicht wissen wie (2)" und konfrontieren sie mit aufregende Schauplätze auf der ganzen Welt. Das Bekannte und Ritualisierte wird zerlegt und seine Sonnen-, wie Schattenseiten werden mit charmanten Worten beschrieben.
"Was ich an deinem Nachthemd liebe/ ist der Rauch der Kleinbetriebe/ wie er am offenen Fenster übergeht in deinen/ und in meinen" heißt es in "Was ich an deinem Nachthemd schätze". Berges findet Bilder, die auf Anhieb manchmal undurchschaubar wirken, mit der Zeit dann ihre wahre Tiefe und Schönheit entfalten. Mitfühlen und Mitdenken sind unabdingbar, so dass von einfachem Zuhören in der Art des Filmmusikgenies Henry Mancini wohl nur in musikalischer Hinsicht gesprochen werden kann. Das "Lied über gar nichts" versucht durch verspielte Zeilen, seinem Namen gerecht zu werden. Der Wunsch nach einem Lied, "das zerfällt und verglüht" wird jedoch von der ohrwurmtauglichen Melodie verwehrt. Denn Erdmöbel machen nachhaltige Musik.Viele Textpassagen gliedern sich wie selbstverständlich in den täglichen Gedankenwust und beschäftigen den Hörer noch nach langer Zeit. "Wie unsere Schlitten sind wir beide/ made in Anderswo" drückt im getragenen "Ich wollte die Welt ginge immer bergab" mehr als nur ein momentan konsumierbares Gefühl aus. "Für die Nicht wissen wie" ist Lesestoff für die Ohren. Gemeinsam mit einem Glas Rotwein auf dem Sofa niederlassen und das Album genießen, scheint der folgerichtige Ratschlag an alle Liebhaber von durchdachten und beseelten Liedern aus dem weiten Popkosmos zu sein. Erdmöbel verdienen ein Publikum, das die Größe der Veröffentlichung würdigt, auf das die Band eines Tages endlich ihre Rolle als Retter der gefühlvollen Sprache auch auf der ganz großen Bühne ausfüllen kann. Ein Anfang wäre, Erdmöbel-Texte im Deutschunterricht einzusetzen. Der Hinweis: "Schaut mal Kinder, was Deutsch alles sein kann." ist besonders in Zeiten falsch verstandener Nationalismusdiskussionen wichtiger denn je.
Punkte: 8 von 10