FAZ 06.09.2005

Wer hat dich, du schönes Lied?

Wir sind schlau und die deutschen Beatles: ?Erdmöbels? Platte

Man stelle sich vor ? eine Jukebox mit Hitparadenmusik, und mitten dazwischen ist folgender Eintrag zu lesen: ?ich wollte, die Welt ginge immer bergab (Erdmöbel)?. Wer würde nicht, aus purer Neugier, die Nummer anwählen und gespannt auf die dazugehörige Musik warten? Sicher ist bereits, daß Markus Berges, Sänger der Gruppe, einige der ungewöhnlichsten Titel der deutschen Liedgeschichte gemacht hat, die Peter Handkes Abdruck der japanischen Hitparade in einem Gedichtband an Kuriosität leicht überbieten. Anwärter für die weiteren Plätze: ?Was ich an deinem Nachthemd schätze?, ?Vergnügungslokal mit Weinzwang?.

Berges ist ein Mann, der die Wörter liebt, ein aufmerksamer Sammler auf allen Sprachgebieten, von literarischen Zitaten bis zu Wandschriften. Auch der Bandname, ein DDR-Euphemismus für Sarg, ist eine seiner Trouvaillen. Manchmal sind es nur einzelne Worte mit ?Wallungswert?, die er so geschickt auf einem Stück Melodie exponiert, dass sie lange am Hörer herumarbeiten ? etwa das zu früh von der Arbeit entlassene "Au Pair-Girl?, dem man seine gemischte Entlehnung gern verzeiht, wenn das dreisilbige Ergebnis dafür soviel schöner singbar ist als die deutsche Entsprechung. Die Liedtexte des Sängers sind ökonomische Gedichte mit Mehrwert, nicht bloße Balladen des äußeren Lebens mit einsinniger Deutung, wie sie so viele andere produzieren.

Keineswegs jedoch sind ?Erdmöbel? eine Ein-Mann-Band; es handelt sich vielmehr um ein klassisches Vierer-Ensemble, garniert mit Sahnehäubchen von eingespielten Samples und Gastmusikern, etwa  Posaunistinnen. Aus der derzeitigen Deutschpop-Welle stechen sie auch deshalb eindeutig hervor, weil es nicht die erste ist, die sie erleben. Vielinstrumentalist Ekkehard Maas war bereits zu Zeiten von ?Sternenhimmel? musikalisch aktiv und hat seitdem Erfahrung in verschiedenen Bands gesammelt. Als Produzent Ekimas hat er sich etwa durch den Überraschungshit ?Sonnendeck? von Peter Licht einen Namen gemacht; sein mit dem Pianisten Wolfgang Proppe betriebens ?Musikkollektiv Eigelstein? in Köln ist Umsetzungsort vielfältiger Ideen uns Projekte über die eigene Band hinaus.

Und Christian Wübben erfüllt die höchste aller Schlagzeugertugenden: Er spielt live herrlich zurückhaltend, oft mit Besen, über die elektrischen Beats. Bemerkenswert ist auch die Auffassung der Bandmitglieder von ihrem eigenen Material: Immer wieder werden Songs in neuen, anderen Versionen aufgenommen, im Charakter auch mal ganz verändert; dieser Zweifel an Endgültigkeit hat etwas wahrhaft Künstlerisches, das wiederum so vielen anderen deutschen Gruppen abgeht.

Der Titel des neuen Albums, ?Für die nicht wissen wie? schillert zwischen Kabarett aus dem Kohlenpott und dem Deutsch philologischer Übersetzungen (man vermutet ein Partizip Präsens in der Ausgangssprache). Grammatische Besonderheiten haben bei Berges aber stets etwas Augenzwinkerndes ? echte Fehler traut man ihm im Gegensatz zu manchen Volksmusikern nicht zu. Tatsächlich übersetzt hat er zwei englische Songs, die den Easy-Listening-Größen der siebziger Jahre, Burt Bacharach und Henry Mancini, ihre Reverenz erweisen und dabei gleichzeitig den eigenen, unverwechselbaren Stil prägen: ?Nicht zu verliern / Wir nähmen schlau / Es mindestens bis morgen / Statt genau?.

Die großen Vorbilder der Band sind allerdings ? es klingt so einfach wie angemessen ? die ?Beatles?. Einen Höfner-Baß, wie ihn Paul McCartney oft zur Schau trug, bedient auch Ekimas gern. Das Albumcover zeigt eine Menschenansammlung, die an ?Sgt. Pepper? erinnert, doch präsentieren sich ?Erdmöbel? nicht inzwischen prominenter Persönlichkeiten, sondern, bescheidener, inmitten ihrer Freunde. Die sind jedoch nicht nur Staffage, sondern bilden, wie das CD-Begleitheft spaßig anmerkt, für ein Lied, den ?Chor über gar nichts?. Sogar was Konzerte aus Hochhausdächern betrifft, eifert man in Köln den alten Engländern nach, bislang noch ohne Polizeieinsatz.

Zum Anzetteln von Revolutionen sind die ?Erdmöbel?-Stücke aber auch nicht unbedingt gemacht. Sie könnten eher als Exportartikel neuer deutscher Kultur an Goethe-Instituten taugen und dort einen tieferen Eindruck hinterlassen als marktführende Teenie-Bands. Wenn der Aufstieg der Gruppe so weitergeht wie bisher (langsam, aber stetig), dann könnte am Ende ein Fünkchen Poesie wieder dort aufleuchten, wo man sie lange vermissen musste: in den deutschen Charts.

Jan Wiele