Eigenwillig-intelligente Texte, wundersame Melodien

Der russische Dichter Samuil Marschak hat einmal (leicht abgewandelt) gesagt: "Bleibt im Geiste warm und im Herzen klug". Treffender ist nicht auszudrücken, was Erdmöbel mit ihrem neuen Album "Für die nicht wissen wie" (Tapete Records) an Gehaltvollem abliefern. Der gleichnamige Opener "Für die nicht wissen wie" wäre in seiner reinen Pop-Harmonie eine perfekte erste und zum Erfolg verdammte Single, nur merkt das draußen im Format-Radio-Land mal wieder keiner; aber wer weiß, so im Zuge des deutschen Trends, vielleicht spült´s Erdmöbel ja mit einer perfekten Welle nach oben. Dieses Lied ist ausnahmsweise mal für die, die wissen wie. Titel wie Sperrholz und Easy-Listening-Edelsteine Leicht elektronisch infiziertes Ambiente wie im großartigen und choral endenden "Lied über gar nichts" steht den Kölnern als Klangfarbe unheimlich gut. Zudem verleihen stilvoll eingesetzte Bläser dem Band-Sound besondere Atmosphäre, referenziell wären da Lambchop zu nennen, gefühlsmäßig darf auch ruhig der Name Wilco fallen. Songschreiberische Weltklasse halt. In "Farbe, der man schwer einen Namen geben konnte" kommt elektronischer Bossa Nova zum Zug, spätsommerlich und leicht (melancholisch) gleitet der Track vorbei, bevor Textzeilen wie folgende einen endgültig zum Erdmöbel-Fan werden lassen: "Was ich an deinem Nachthemd schätze, sind die orangenen Tennisplätze". Traumhaft. So harmonisch und flauschig die Songs, so gewohnt eckig und kantig die schon erwähnten Texte. "Ich wollte, die Welt ginge immer bergab" und "Am Arsch, Welt, kannst du mich kaputtschlagen" sollen beispielhaft beredtes Zeugnis dafür sein, dass man anhand wie Sperrholz im Mund liegender Song-Titel kleine Easy-Listening-Edelsteine schürfen kann. Wunderbare und dezent angeschrägte deutsche Pop-Musik Sowieso herrlich lakonisch die Vocals von Sänger und Songschreiber Markus Berges. Das fantastische "Nah bei dir" indes hat sogar Klassiker-Qualitäten, ungelogen, so unpeinlich, überzeugend und berührend gelingt ein geschmackssicheres Burt-Bacharach-Cover selten. Überhaupt diese eingangs schon erwähnten Bläser-Arrangements: Drücken möchte man Erdmöbel dafür und erfinden gleich dazu, wenn es sie nicht gäbe. Ein sommerlich groovendes "Nichts zu verlieren" - auch das ein Cover - beschließt den zwölf Songs starken Reigen, und harmonischer könnte eine Platte nicht enden, die wieder einmal zeigt, was die Republik an Erdmöbel hat. Wunderbare, dezent angeschrägte und großartige Pop-Musik aus deutschen Landen. Nicht weniger als das. (tfr)

Meldung vom Dienstag, 4. Oktober 2005 © ka-news 2005