ZUCKERGUSS UND LEISE HÄRTE

Mit der Zeitmaschine in die Sixties: Erdmöbel haben die Rock-Attitüde komplett begraben

 

 

 

Das an den Baum genagelte Lebkuchenherz weist den Weg zu den Erdmöbeln - keine schnöde Massenware von der Kirmes, sondern spezialgefertigt für die Band, mit einem aktuellen Songtitel aus Zuckerguss ("Am Arsch, Welt, kannst du mich kaputtschlagen"). Dazu gibt es Gummibärchen in fester und flüssiger Form, Erdbeeren und Marshmallows bei diesem als Picknick getarnten Interviewtag im Kölner Grüngürtel.

Kaum eine andere deutsche Band in den vergangenen zehn Jahren hat ihren Sound so intensiv verfeinert, in Frage gestellt, neu justiert. Wenn es eine Konstante gibt, dann sind es vermeintlich unsingbare Worte wie "Thrombosestrumpfhose", "Busbahnhofskiosk" und "Schiffschaukelbremser", die Sänger Markus Berges gern in seine Texte einbaut. "Wir haben festgestellt, dass diese sperrigen Worte am schönsten klingen", findet Ekki Maas, bei Erdmöbel für Gitarre, Posaune, Produktion (und neuerdings auch für den "Beatles-Bass") zuständig. Berges nutzt die Gelegenheit, um sich zu beschweren, weil er in Zeitungsartikeln öfter mal als "singender Germanist" bezeichnet wird, "und das ist für mich nicht schmeichelhaft. Ich verstehe mich als Songschreiber und nicht als Autor - schon gar nicht als »germanistisch studierter« Autor. Ich kann einen Erzähltext leicht analysieren, weil ich das gelernt habe, aber ich analysiere nicht meine eigenen Songs in dieser Hinsicht. Ich gehe da sehr emotional und assoziativ ran. Es interessiert mich nicht, dass sie als »Text« funktionieren, sondern, dass sie gesungen funktionieren."

Zwei der zwölf Stücke des neuen Albums "für die nicht wissen wie" hat Markus Berges allerdings nur aus dem Englischen übersetzt. Die ersten Coverversionen im Repertoire der Band beweisen eine Hinwendung zum Easy Listening der sechziger Jahre, und Erdmöbel haben sich hier gleich an zwei Giganten des Genres herangewagt: Henry Mancini ("Nothing To Lose" aus dem Blake-Edwards-Film "Der Partyschreck") und Burt Bacharach (das tränentreibend romantische "Close To You"). Der Kontrast zu einem frühen Erdmöbel-Song wie "Tätowiert von innen", der in ein markerschütterndes Hardrock-Finale mündete, könnte größer kaum sein. "Nach dem ersten Album", erinnert sich Ekki Maas, "haben wir laut gespielt auf der Bühne, die Verstärker waren aufgerissen, aber davon haben wir uns im Laufe der Zeit ganz bewusst abgewandt. Wir hatten eine »rockige« Version der zweiten Platte gemacht, aber die hat uns so sehr nicht gefallen, dass wir alles noch mal neu aufgenommen haben. Danach haben wir auch live einen Schlusspunkt gesetzt: Wir spielen so leise es geht, wir spielen im Sitzen. Das Publikum zwingen, sich hinzusetzen, das war damals ein sehr aggressiver Akt." Es gibt eben auch eine "leise Härte", wirft Markus Berges ein, "und das ist etwas, woran wir gearbeitet haben. Für das »Gasthaus«-Album hatten wir sehr an der Leichtigkeit gearbeitet, jetzt ging es darum, das nicht zu verlassen, aber doch mehr unter Spannung zu bringen."

Für die neuen musikalische Präferenzen macht Ekki Maas auch ein High-Tech-Spielzeug aus dem Hause Apple verantwortlich: "Ich habe mir einen iPod gekauft, was meine Hörgewohnheiten gerade ziemlich umkrempelt. Ich beginne mich dafür zu interessieren, was ich früher gehört habe und entdecke Sachen wieder, die ich komplett vergessen hatte." Dass Erdmöbel verstärkt in die Sixties zurückspulen, ist für Markus Berges die Konsequenz einer "zunehmenden Hörerfahrung. Deswegen geht es mir relativ selten so, dass ich eine neue Band höre und ich finde die jetzt »neu». Ich finde sie vielleicht gut oder sehr gut, aber selten so, dass ich denke, »was ist das denn, eine neue Welt!«"

Nach dem Interview gibt es für den Journalisten ein spezialgefertigtes "Am Arsch, Welt"-Lebkuchenherz zum Mitnehmen. Es hängt mittlerweile in meiner Medienpartnereinbauküche. Das wäre auch mal ein schönsperriges Wort für einen Erdmöbel-Song.

THORSTEN KELLER