Zwischen all diesen Stühlen

Erdmöbel

Zehn Jahre kämpfen Erdmöbel schon wider die blinde Kategorisierung um ihrer selbst Willen. Zu Mainstream für die Hamburger Schule, zu sensibel für Kölsches Muckertum, zu ernst und leise ? und vor allem zu intelligent für Stadionrock. Egal. Trotzdem super. Oder gerade deswegen.

Die Ex-Münsteraner und Langzeit-Wahlkölner Markus Berges, Ekki Maas, Maf Retter und Chris deWuebb alias Erdmöbel haben es in der Tat nicht leicht auf diesem seltsamen deutschen Musikmarkt. Um wirklich erfolgreich zu sein, muss man hierzulande für den Mainstream stadionrocktauglich (siehe: Pur ? oder etwas weniger cheesy: Kettcar, Wir sind Helden), für die Liebhaber des Oberflächen-Untergrunds ein wenig verschwurbelt (Tocotronic, Blumfeld etc.) und für die jugendlichen Klingelton-Indiekinder belanglos genug (Sportfreunde Stiller) daherkommen. Erdmöbel hingegen sind poppig, ohne einen Hit nach dem anderen am Reißbrett zu entwerfen, intelligent, ohne sich überbetont intellektuell zu geben, und zuweilen auch tanzbar, ohne noch unter die dazugehörigen Jugendfrisuren zu passen. Seit Jahren versucht man also nun, dieses sperrige Stück Musik vergeblich in vorhandene Schubladen zu stopfen ? erfolglos. Denn um mit Erdmöbel glücklich zu sein, muss man sich schlicht nicht entscheiden, muss weder Herz noch Hirn abgeben, kann traurig oder fröhlich sein, verzweifelt oder erleichtert, verknallt oder verlassen. Und selbst die, die nicht wissen, wie sie sein wollen, sind hier gut aufgehoben. Das fünfte Album der Band mit dem schönen Titel ?für die nicht wissen wie? impliziert dieses vertonte Willkommen in einer entspannt unprätentiösen Welt schon per Namensgebeung.

Zu Hause im Easy-Listening der 60er Jahre hat die Band jene Art von Songs entworfen, die die damalige Generation guten Gewissens ?Schlager? nannte, weil diesem Wort damals noch nichts von dem muffigen Mottenkugelgeschmack anhaftete, der sich heute unvermittelt bei der Erwähnung des vermeintlich bösen Wortes in unsere Köpfe schleicht. ?Schlager war damals ein völlig wertfreier Begriff für Populärmusik?, erinnert sich Gitarrist und Produzent Maas, und Sänger Berges stimmt zu: ?Und damals war ?populär? auch unter Musikliebhabern noch kein Schimpfwort. Heute scheint es manchmal so, als wolle man die wirklich gute Musik lieber heimlich zu Hause unter der Bettdecke hören, als sie mit einer breiten Masse zu teilen.? Dass dies so bescheuert wie kontraproduktiv ist, wenn es ums Überleben der guten Musik neben all den Retorten-Machwerken geht, versteht sich von selbst. Dass man sich über eine derartige Haltung und Strömung auf dem Musikmarkt aufregen kann, ist auch klar. Doch wozu führt das? Maas reagiert ganz entspannt, wenn sein Vater ihm vorschlägt, ?doch mal so was wie dieser Bohlen? zu machen. ?Klar?, lacht er, ? mein Vater sieht nur, dass das erfolgreich ist und dass da Geld drinsteckt. Aber ich mache ihm dann ziemlich schnell begreiflich, dass wir unsere Musik auch vor allem deshalb machen, weil wir sie selbst gut finden.?

In einem Punkt ist sich die Band völlig einig: Ein gutes Album ist das, was man ?auf seiner eigenen Party auflegen? kann und worüber man sich selbst freut. ?Wenn wir unsere Platten nicht anhören wollten, müssten wir sie doch gar nicht erst aufnehmen?, bringen sie das gesunde Verhältnis zum eigenen Werk auf den Punkt. Dieses fast bodenständige Sebstbewusstsein ist das Erfolgsrezept hinter Erdmöbel. ?Nah bei dir/(They Long To Be) Close To You?, eine der beiden zentralen Coverversionen auf dem Album, überzeugte sogar den ursprünglichen Schöpfer Burt Bacharach. Und der kennt sich aus mit dem, was einst mit ?Schlager? gemeint war. Wenn also unbedingt irgendwelche Schubladen aufgemacht werden müssen, sollte man im Falle dieser band lieber die hübschen, großen, alten entstauben, anstatt die allzu engen neuen voll stopfen zu wollen.

Sonja Müller