Herzschmerz, laß nach

Jetzt sei mal ehrlich! Die intellektuelle Herausforderung, die uns die bundesrepublikanischen Musikanten in ihren Texten so zumuten, ist doch oft eine Anmaßung sondergleichen. Noch immer wird nach bewährter Manier "Herz" auf "Schmerz" gereimt, wo gesund denkende Menschen schlußendlich nur noch an einen textlichen Scherz - einen schlechten fürwahr - denken mögen. Gemein. Doch das schmerzhafte Leiden hat ein Ende. Gut, daß es Erdmöbel gibt, die Hüter der raffinierten Zeilen und Bewahrer des lyrischen Anstands. Schickt sie nach Klagenfurt, wo die Dichter und Literaten der Republik sich feiern. Reserviert ihnen noble Preise. Verdient hätten sie sich diese für "Für die nicht wissen wie" allemal.

"Nah bei Dir" muß einfach vorne stehen. Jene gefühlvolle Übersetzung des Bacharach-Klassikers "Close to you" in einen wunderbaren deutschen Popsong. Besser geht's nicht. Was schon hier klar wird: Die Musik und die Texte von Markus Berges und Ekki Maas, die gemeinsam Erdmöbel sind, funktionieren assoziativ. Ihre lyrischen Gedankenspiele aktivieren immer neue Gehirnwindungen. Erdmöbel verwenden jene Begriffe, die ansonsten ein unverwendetes Dasein in deutschsprachigen Lexika fristen würden. "Wie ein Anglermotiv auf einer Dose Corned Beef", heißt es im fulminanten Titelsong "Für die nicht wissen wie". Ein brillanter Titelsong, der sein Etikett mit Fug und Recht trägt. Und weil er so toll ist, gibt es ihn am Ende gleich noch mal. Doch nicht nur dieser Song ist herzerweichend. Auch die zwölf weiteren Lieder brillieren mit musikalischer Dichte, die sich zwar auf verschiedenen Spielwiesen tummelt, die aber am Ende vor allem eines ist: lupenreine Popmusik. Das sympathisch unbewegliche "Au Pair Girl", wo Dich verschlafene Bläser in den Abend bringen. Das swingende "Russischbrot". Wieder so ein Wort, das Du so nicht im Popkontext kennst. Euphorie schon hier. Erdmöbel sind wunderbarer denn je, und "Für die nicht wissen wie" ist ihr bisher bestes Album.

Immer wieder diese Bilder im Text: "Taschenlampen tue ich an die Kufen", formuliert Markus Berges naiv-holprig, um dann im Anschluß den Chorus zu singen: "Ich wollte, die Welt ginge immer bergab." Was für ein schöner Gedanke! Rutschpartie abwärts, bis ans Lebensende. Schneeflockenleicht und nichts zu verlieren. Schwereloser Sound, fast resigniert. Doch es bleibt nicht bei diesem einen Wunsch. "Ich wünsche mir ein Lied über gar nichts", singt Berges im dritten Song, an dessen am Ende dieser strahlende Chorus ganz nackt intoniert wird. Die Herren wissen wohl insgeheim, daß ein Erdmöbel-Song über "gar nichts" immer noch mehr Substanz birgt als vieles, was ansonsten über bundesrepublikanische Ladentheken wandert. "Für die nicht wissen wie": Hört auch weiterhin Herzschmerz-Musik. Für den Rest: Lauscht Erdmöbeln!

(Sebastian Peters)

 
 
Highlights:
Für die die nicht wissen; Au pair girl; Nah bei dir