Für die, die es nicht wissen: Erdmöbel aus Köln sind eine großartige
Popband. Markus Berges ist ihr Lyriker und Sänger. Eine Begegnung. Und
ein Gespräch über die neue Bürgerlichkeit des Rock'n Roll.

VON PETER UNFRIED

Markus Berges wuchs in Telgte auf. Das ist in Westfalen.
Klassisch-bundesrepublikanische Kindheit. Er pubertierte mit dem
Lebensziel, "nicht so zu werden wie meine Eltern". Das hieß: "Ich will
nicht bürgerlich werden". Mit 14 wurde er Punk.
Kunstlederjacke usw. Eine redliche Provokation für die Eltern und Telgte.
Eines Tages fuhr er dann mit einem Freund zu einem Punk-Festival. Stiff
Little Fingers spielten. Mit Fingerfarbe hatten die Telgter auf ihre
Lederjacken "anarchy!" geschrieben. Da kam ein richtiger Punk und sagte:
"Soll das Punk sein?"

Those were the days und darum ging es: "Das Wir-Gefühl in der Abgrenzung
zu anderen definieren. Der Rest ist immer scheisse. Und wenn es nur zwei
nicht richtig angezogene andere Punks sind."

Berges ist Sänger und Lyriker von Erdmöbel. Das ist eine Kölner Band,
von der Kritiker sagen, dass sie "in einer gerechteren Welt" ganz viele
Platten verkaufen müßten. Wenig haßt Berges mehr als diesen Satz.
Gestern abend spielte er in der Volksbühne in Mitte. Jetzt sitzt er in der
"Markthalle" in Kreuzberg.

Was soll uns die Punk-Anekdote sagen? Dass er sich schon zu Zeiten, als
er die Unbürgerlichkeit suchte, an ihr gerieben hat. Weil er ihre
spießige Seite sah und die Pose. "Aggressiven Widerstandspop ohne
Humor" nennt er das Genre. Bitte: "Es gibt auch eine starke Seite daran,
aber mich hat das tendenziell Verlogene daran gestört, das Ausgestellte,
das Unechte." Ein Wir-Gefühl in einem Konzert herzustellen, und
speziell, indem man sich abgrenzt gegen "die"? Hat etwas Ekelhaftes,
sagt Berges, er nennt es die "Tote-Hosen-Gröl-Situation".

Dass man heute nicht mehr qua Zeichen, Frisuren, Kleider und auch nicht
mehr durch seinen Musikgeschmack zu den Guten gehören kann? "In der
Beziehung vermisse ich nichts."

Und zuhause hat er eine Schrankwand? "Ne, eine Schrankwand habe ich
nicht, aber ein Haus." Es steht in Köln. Darin eine Frau, zwei Kinder.


Der Deutsche hat es im deutschsprachigen Pop traditionell mehr mit dem
Diskurs als mit der Musik. Als Berges Mitte der 90er mit Erdmöbel
anfing, mußten immer noch Nachkriegstrümmer entsorgt werden. Da sang er:
"Zu deutsch für Rock' n Roll". Klitzekleiner Hit. Manche vermissen den
Song heute in den Konzerten. Aber er hat sich erledigt. Erstens: "Das
Thema". Also die Geschichte des Krautrock, das Hadern mit der deutschen
Sprache, das immer auch ein Hadern mit Deutschland war.

Was sich noch mehr erledigt hat, sagt Berges: "Dass dieser Song soviel
Thema hat." Berges ist ein "intensiver Zeitungleser", ein "politischer
Mensch", aber wenn er schreibt, kommen keine Meinungen heraus, keine
"politischen Inhalte", schon gar kein Rock gegen rechts. "Ich habe
nichts gegen Meinungen, ich muss sie nur nicht singen". Eine Meinung
haben ist was, aber keine Kunst. Manche kritisieren die "rätselhaften"
Texte. Dabei ist die Botschaft klar: Werde inspiriert und bereichert,
aber denke selbst, meine selbst.

Zum Beispiel: "Russischbrot". Vom aktuellen Album "für die nicht wissen
wie". Ich kenne kaum ein schöneres Lied.

Im Text (siehe unten) geht es (vermutlich) um ein Paar, das um einen See
spazieren geht, in eine Gaststätte einkehrt, in die man Speisen
mitbringen darf und nicht bedient wird. Das ist aber kein grosses
Problem und auch keine Metapher für Größeres.

Es entsteht eine Stimmung. Eine Bewegung. So eine, dass man auch beim
tausendsten Hören noch so ein Gefühl bekommt. Und Gefühle hat man
definitiv nicht im Kopf. Man möchte weinen. Nicht, weil man auch mal
nicht bedient wurde. Nicht, weil die Welt so schlecht ist. Sondern: Weil
die Welt ist?

Sofort die Sorge: Der Song ist einfach sentimental - und der
gottverdammte Hörer auch. "Schon ein bißchen", sagt Berges. "Die
sentimentale Seite ist nicht die starke Seite des Songs". Er mag den
Song trotzdem, "weil der das hat, aber musikalisch so fluppt." Die
Melodie hat tatsächlich etwas Federnleichtes, superpoppiges. Trotzdem ist
das Lichtjahre entfernt von "You can`t hurry love" und so Zeug.

Uuups, das war jetzt ein eindeutiger Abgrenzungsversuch. Neuer Anlauf:
Die Musik ist hier und in anderen Songs eine Art 60er-Hommage-Pop. Die
besondere Spannung entsteht durch die Verbindung mit dem melancholischen
Moment, das nicht in den Worten liegt, sondern das die Worte in die
Melodie einweben und die Melodie in die Worte.

Wem das zu geschwollen ist, Entschuldigung.

Berges sagt, er greife ungern auf Adorno zurück, weil das so was
Bildungsbürgerliches habe. Aber der hätte in der "Ästhetischen Theorie"
ausgeführt, dass es darum gehe, dem in keiner meinenden Sprache
Sagbaren Ausdruck zu verleihen. Ihm selbst gehe es darum,
"dem Sentimentalen entgegenarbeiten und gleichzeitig das intensive Gefühl
zulassen. Aber ohne Erinnerungsseligkeit."

Die FAZ hat - sicher wohlwollend - geschrieben, Erdmöbel seien "eher für
das Goethe-Institut, als für das Anzetteln von Revolutionen". Stimmt.
Gerne würde Berges sich vom Goethe-Institut losschicken lassen. Gerne
auch Songs hören, die Revolutionen anzetteln ("Äh, welche wären das?").

Der wirtschaftliche gefragte und politisch propagierte Lebensstil ist
Individualismus zum Zwecke der Stärkung der eigenen Ökonomie.Was, wenn
die halbwegs gutverdienende Mittelschicht, zu müde oder zu intelligent,
sich die Namen von monatlich neuen 20jährigen Rebellen aus England zu
merken, seine Songs dazu nutzte, um sich in der Besitzstandswahrung zu
bestätigen? Oder sich zu entspannen, um morgen wieder voller Elan diese
individuellen ökonomischen Ziele verfolgen zu können. Wenn das die
Funktion von Erwachsenenmusik im 21. Jahrhundert wäre?

Gefällt ihm nicht, weder das Wort Erwachsenenpop ("furchtbar"), noch die
Vorstellung, als bürgerliche Popband für Erwachsene, eine Zielgruppe zu
bedienen. Sowas mute man einem Gerhard-Richter-Gemälde auch nicht zu.
"Ein Erdmöbel-Lied kann man nicht aus dem Automaten ziehen, um ein
bestimmtes Bedürfnis zu befriedigen." Im übrigen arbeite Kunst nie an
der Erhaltung des Status Quo (außer natürlich Status Quo selbst) und
richte sich Erdmöbel doch auch GEGEN etwas. Ein Album heißt sogar
"Erdmöbel vs. Ekimas". Auf dem Album hat der eigene Bassist und
Produzent Ekimas alte Songs nochmal rangenommen, um ihnen neues
abzuringen. Erdmöbel arbeiten permanent an der Weiterentwicklung ihrer
Songs. Unzufriedenheit ist der Motor dieser Kunst, aber es ist nicht die
Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, sondern die mit der eigenen
Leistung, solange sie nicht perfekt ist. Und wann ist sie das schon.


Ein Erdmöbel-Konzert ist die weitgehende Abwesenheit von Rock' n
Roll-Klischees. Sowie die weitgehende Abwesenheit von ironischem
Zitieren von Rock' n Roll-Klischees. Die Leadgitarre ist längst
degradiert bzw. abgeschafft. Nicht zeigen, was nicht mehr geht. Sondern
ausprobieren, was geht. Sie sind da nicht die einzigen, klar. Aber es
ist schon bemerkenswert, wie sehr die Musik im Vordergrund steht - und
die Musiker sich selbst auf der Bühne zurücknehmen. Übrigens tragen alle
Anzug. Auch das unironisch, vom Bassisten Ekimas mal abgesehen. Keiner
hat lange Haare. Nichts, was man antibürgerliche Accessoires nennen
würde. Die Musik hat auch live etwas ungemein Lässiges, die Typen sind
überhaupt nicht lässig. Sie stehen eindeutig nicht als
Identifikationsfläche zur Verfügung. Es geht auch nicht darum, ob sie
"echt" oder "authentisch" sind. Du kriegst hier Musik. Mach mir ihr, was
du kannst. Übrigens besteht das Konzert aus lauter Hits. Und dabei
werden noch nicht mal alle Hits gespielt.


Kann man sich sicher sein, dass Markus Berges nicht CDU wählt?
Lächeln. "Ich verstehe den Impuls. Ich bin mir auch gern sicher, dass
jemand nicht CDU wählt, dessen Kunst ich schätze. Aber es ist
Schwachsinn. Weil ich weiss, dass Kunst ein Eigenleben hat, und sei es
ein Popsong."

Im Titelsong des großartigen aktuellen Albums "für die nicht wissen wie"
heisst es:

"Dieses Lied ist für die/

die die nicht wissen wie/

oder wer sind die/

für die dieses Lied ist."

Auf dem Cover sieht man eine Gruppe von 31 Menschen. Wer sind sie? Was
eint sie? Faktisch sind es Freunde bis Bekannte von Bekannten, die
Erdmöbel für das Foto eingeladen hatten. Die Spannung besteht für Berges
darin, dass das Foto tatsächlich aussieht, als fragten die Leute: Wer
sind wir? Und antworteten sich: "Wir wissen selbst nicht, was für eine
Gruppe wir sind."

Und wer bin ich, wenn ich Erdmöbel höre? Hm. Falls einer immer noch
hoffte, zumindest hier Teil einer klar konturierten Gruppe zu werden, in
der er sich suhlen und zu Hause fühlen kann: forget it.

Manchmal möchte man dennoch zumindest seufzen: Wer Erdmöbel hört, kann
kein schlechter Mensch sein - oder gar neoliberal. Klar, kann man. Und
in Stuttgart gibt es schnauzbärtige Erdmöbel-Fans.

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peter unfried