Flüster mir Petersilie ins Ohr

Erdmöbel stellen im Lido ihr neues Album "Krokus" vor

Christian Buss

Frauennamen, Gemüsesorten, Kunstoffnamen: In dem melodiesüchtigen Vortrag des Popdichters Markus Berges lösen sich die Hierarchien der Worte auf; jedes einzelne singt er mit der gleichen Bedeutungsschwere. Man sieht es dem Lehrer aus Köln nicht unbedingt an - aber zurzeit ist er Deutschlands aufregendster Popsänger. Es soll Frauen geben, die brechen von ihren Gefühlen überwältigt vor der Bühne zusammen, wenn der kleine Mann mit der großen Brille das Wort "Petersilie" raunt.

Wie zurzeit kein anderer arbeitet er an der Verzauberung der Welt bei gleichzeitiger Entzauberung aller großen Gesten. Wer sich "Krokus", das heute erscheinende sechste Album seiner Band Erdmöbel anhört, für den wird auf einmal der Name eines eher nicht so wundervollen Bundeslandes zum Sehnsuchtsort: "Nordrhein-Westfaaahhhlen!" barmt Berges im Gospelmodus für das Lied "Emma". Am Ende des Stückes weiß man immer noch nicht, wer diese Emma ist, aber unbedingt will man die Region bereisen, um die man doch stets so bewusst einen großen Bogen gemacht hat.

Der Klang bestimmt die Richtung, die Bedeutung muss folgen. Wie heißt es doch in einem Stück: "Wort ist falsche Wort / es ist mehr Akkord". Vielleicht wurde noch nie so klar die Verführbarkeit durch den Sound der Worte beschrieben - um sich dieser dann umso hemmungsloser hinzugeben. Eine Moral von der Geschicht findet sich in keinem seiner Songs. Erdmöbel spielen easy listening, die Wirkung aber ist zuweilen eher uneasy.

So wie in der Nummer "Snoopy-T-Shirt", in der zu himmlischen Harmonien allerbitterste Sentiments ausgespuckt werden. Was zuerst wie ein Lied übers Ankommen klingt, nimmt sich bald wie ein Abschiedslied aus. Berges reimt mit dem Grimm des Vertriebenen: "Das Haus hat geknistert und ,verpiss dich' geflüstert." Es gibt Sentenzen, für die würden andere Liedermacher töten. Manchmal stehen sie in den Songs von Erdmöbel rum wie ein einsames Haus im nordrheinwestfälischen Nirgendwo. Wie traurig einen das macht.

Zeitgleich zu "Krokos" erscheint heute auch mit "Ein langer Brief an September Nowak" bei Rowohlt der erste Roman des Songwriters. Ein Instrumental mit gleichem Titel schließt auch das Album. Mit diesem literarischen Langwerk im Rücken mag es Berges leicht gefallen sein, sich auf dem Erdmöbel- Werk der kleinen Form hinzugeben. Man nehme nur das grandiose Stück "Ausstellung über das Glück", in dem er zu einem verschleppten Cha-cha-cha-Rhythmus immer wieder in knappsten Worten jubiliert: "Ausstellung über das Glück im Hygienemuseum Dresden". Ironie oder tief empfundenes Sentiment? Die Emphase der Intonation verfängt jedenfalls: Wir wollen wir da jetzt ganz schnell hin, ins Hygienemuseum Dresden.

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Erdmöbel: Krokus (Content Records/Edel); Konzert: heute, 20 Uhr, Lido