CD der Woche: Erdmöbel

Musik ist nur ein Wort

Das beste deutschsprachige Album seit langem - wie oft sagt man das? Hier aber passt es. Die Band Erdmöbel liefert ein Meisterwerk ab, farbenfrohe Musik und gewitzte Sprachkritik.

Von Eric Pfeil

 

17. September 2010 

Neulich auf dem Erdmöbel-Konzert. Man habe auf dem demnächst erscheinenden Album etwas in der Musikgeschichte bislang Einmaliges getan, moderiert Sänger Markus Berges mit gebotener Ironie ein Stück vom neuen Album „Krokus“ an. „Was kommt jetzt?“, fragt man sich, denn um Eigensinnigkeiten war diese Band nie verlegen. Zuletzt veröffentlichte sie 2007 ein Album voll deutschsprachiger Aneignungen bedenklicher internationaler Hits - und platzierte sich damit erstmals in den Albumcharts. Berges fährt fort: Zwar gebe es unzählige Weihnachtslieder, Erdmöbel aber seien nun die ersten Popmusiker überhaupt, die einen Silvester-Song komponiert hätten! Oder falle jemandem ein Silvestersong ein?

Sofort hagelt es Vorschläge: „New Years Day!“, ruft einer. „1999“ ein anderer. „Hm. Stimmt“ kommentiert Bassist Ekimas lapidar, „das war'n ziemlich großer Hit.“ Dann spielen sie ihr Stück: „Erster Erster“. Plötzlich schmeckt der Spätsommerabend für gut drei Minuten nach Silvesternacht.

 Nein, die Ersten waren sie wohl wirklich nicht mit der Idee, aber warum sollte sich diese durch und durch einzigartige Band auch damit aufhalten, in irgendeiner Disziplin Erster zu sein? Die meisten beziehen die Sache mit der Besonderheit der 1995 in Münster gegründeten, aber schon lange in Köln beheimateten Band seit jeher auf Markus Berges' Texte. Das ist so naheliegend wie kurzsichtig. Doch was will man als deutschsprachiger Hörer auch machen, wenn einem solch wunderschön gesungene Wörter wie „Futteral“, „Rhabarberbeeten“, „Apfelkitschen“ oder „Snoopy-T-Shirt“ entgegentönen und gerade diese Wörter auch noch so seltsam berühren. Das liegt daran, dass Berges sie nicht als Kuriositäten ausstellt, sondern Musik in ihnen findet. Darum, was diese Wörter bedeuten, geht es vorrangig gar nicht.

Der Klang ebnet den Weg zur Bedeutung

Spielte man die neue Erdmöbel-Platte hingegen, sagen wir, einer Italienerin vor, so würde sie wohl vor allem die waghalsigen harmonischen Konstruktionen, die vertrackte, aber leichtfüßige Rhythmik, das luftige Klavierspiel, den singenden und tänzelnden Bass und die schöne, wenngleich spröde Gesangsstimme rühmen - und feststellen müssen, lange keine so farbenfrohe, sinnliche, dabei angenehm unrockistische Bandmusik mehr gehört zu haben.

Die rein musikalische Betrachtung ist der wahre Schlüssel. Erdmöbel sind keineswegs eine Band mit tollen Texten. Sie sind eine selten musikalische Popband, die in beispielloser Weise Stil und Intuition vereint und diese Musikalität auch auf lyrischer Ebene walten lassen. Erdmöbel selbst formulieren das natürlich viel schöner: In einem der großartigsten Lieder, einem wie auf Watte federnden Liebesgebet, heißt es: „Wort ist das falsche Wort/Es ist mehr Akkord/Ach, ist unsagbar schwer zu sagen“.

Bei Erdmöbel ebnet der Klang den Weg zur Bedeutung. Dass es sich bei dem Stück „Fremdes“ etwa, wie die Band andeutet, um einen „Köln-Hass-Song“ handelt, kann man nur aus der Verwendung eines mal wieder recht kantigen Wortes schließen: „Stadtarchiv“. Und wenn man hört, wie Berges es zu dem rappelnden Off-Beat der Band ausspuckt, wird klar, wie sehr ihn der Kölner Klüngel, der im vergangenen Jahr zu der Katastrophe führte, anekeln muss.

Große weite Welt und allerengstes Hier

Das Große steckt hier stets im Kleinen, Erdmöbel spielen Detailmusik: So wie Ekimas' Bass sich nur selten auf Grundtöne beschränkt, sondern melodiös umhertänzelt, so greift sich auch Sänger Berges mit fast jedem Wort die Nuancen und Beiläufigkeiten, doch aus diesen heraus erst erklärt sich ein Gesamtzusammenhang, der mehr berührt als jedes Panorama-Bild. Im letzten Stück, „September Nowak“, schweigt der Gesang; hier wären Worte auch wirklich zu viel, denn das Instrumental ist quasi der Soundtrack zu seinem ebenfalls gerade erschienenen Roman „Ein langer Brief an September Nowak“. Und natürlich ist Berges' Buch ebenso wenig wie seine Erdmöbel-Texte ein Bekennerschreiben: Der Roman erzählt von der neunzehnjährigen Betti, die ihre erste große Reise dazu nutzt, an der Côte d'Azur ihre Brieffreundin September Nowak zu besuchen. Dort angekommen, zerbröseln alle Vorstellungen, die sie sich von ihrer Freundin gemacht hat; doch die Reise geht jetzt erst richtig los.

Von dieser Spannung zwischen großer weiter Welt und allerengstem Hier handelt auch immer wieder die Musik auf „Krokus“, ob im Bossa-Schieber „Ausstellung über das Glück“, im lateinamerikanisch ruckelnden „Brasilia“ oder im Burt-Bacharach-Popsong „77ste Liebe“. In den Texten träumen sich Menschen an ferne Orte oder sitzen im Niederrhein-Express und sehen draußen Nordrhein-Westfalen vorbeifliegen.

„Krokus“, das achte Album dieser nicht mehr ganz jungen Band, ist so schön, so inspirierend und wundersam, dass man gar nicht mit billigen Zuschreibungen wie „Bestes deutschsprachiges Album seit Jahren“ hantieren mag. Außerdem: Wer so einmalig ist, der braucht ohnehin nicht Erster zu sein.

Erdmöbel, Krokus. Content Re 4698861 (Edel)



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Content Re (edel), Matthias Luedecke