Die kalte Schulter der Liebe

Nicht nur perspektivisch, sondern auch textlich ziemlich schräg: Die Kölner Band „Erdmöbel“. Foto: Verstärker Nicht nur perspektivisch, sondern auch textlich ziemlich schräg: Die Kölner Band «Erdmöbel». Foto: Verstärker

Von Alexander Köhn

Man muss die teilweise rätselhaften Texte der Band «Erdmöbel» nicht verstehen. Großartig klingt ihr neues Album «Krokus» auch so.

Ob das, was sie da spielten, für jeden verständlich sei oder eben nicht, sagt «Erdmöbel»-Multiinstrumentalist Ekki Maas, darauf hätten sie diesmal keine Rücksicht genommen. Nun hatte man noch nie den Eindruck, dass die Kölner Band bestrebt ist, möglichst selbsterklärende Songs zu schreiben. Doch wenn Texter und Gitarrist Markus Berges die neue Platte mit einer gesungenen, seltsam anmutenden Aufzählung von Begriffen einleitet, sorgt das tatsächlich für canyontiefes Stirnrunzeln. «Rosen, Ochsen, Holz, Turmalin, Krepp, Petersilie, Seife, Feldspat, Nickel, Pferdehaar, Benzin». Was soll das heißen? Bedeutet es überhaupt etwas?

Natürlich lässt sich über diese und andere Zeilen auf «Krokus», dem achten und womöglich besten Albums des 1995 in Münster gegründeten Quartetts, trefflich rätseln. Am Ende aber spielt es eine untergeordnete Rolle, ob Berges mit grober Samtstimme wahllos Worte aneinander reiht oder aber, wie im brillanten Eröffnungssong «77ste Liebe», womöglich eine Liste traditioneller Hochzeitsgaben anlegt. Denn das Faszinierende und Überraschende an dieser zunächst sehr sprachgewaltig wirkenden Platte ist, dass ihre 13 Lieder nicht decodiert werden müssen, um sie zu verstehen, ja: zu spüren. Berges’ mal energischer, mal umsorgender Gesang lebt von Betonungen und ungewöhnlichen Reimstrukturen, vom Gegensatz zwischen Harmonie und Monotonie, von der Exotik des Vokabulars, von dessen Klang und Rhythmik.

So erzählen viele Songs, jenseits der Semantik, ganz eigene Geschichten und offenbaren dabei einen skeptischen Blick auf die Welt. Wenngleich «Erdmöbel» gegen Ende der LP, im geradezu jubilierenden Galopp-Stück «Das Leben ist schön», auch versöhnlichere Töne anschlagen, sind es doch die nachdenklichen, melancholischen und bisweilen sorgenvollen Lieder, die beim Hörer unauslöschlich in Erinnerung bleiben werden: «Wort ist das falsche Wort» etwa, der stille Höhepunkt des Albums, gesungen von einem, dem die Liebe die kalte Schulter zeigt. Auch «Emma» ist großartig geraten, ein sanfter Roadsong, in dem Berges seine Zuhörer mit auf eine in sich versunkene Fensterplatzreise durch die westfälische Heimat nimmt.

Die Melodie gibt in diesen ruhigen Momenten des Albums, dem ersten seit fünf Jahren, rechnet man die etwas alberne Coverscheibe «No. 1 Hits» nicht mit, das Piano vor. Gitarren dagegen, einst die dominanten Instrumente in den Arrangements der Band, sind zu zurückhaltenden Begleitern geworden. Überhaupt haben Markus Berges, Ekki Maas, Wolfgang Proppe und Christian Wübben Abstand vom Rock genommen. Trompete, Waldhorn und Akkordeon erweitern das Soundspektrum der Songs, rhythmisch unternimmt die Gruppe Ausflüge nach Südamerika («Ausstellung über das Glück») und scheut sich auch nicht vor Pop-Spielereien. Beliebig klingt sie dabei nie. Ihre Arrangements sind ausgefeilt, die sich windenden, selten direkten Texte von einer ganz eigenen lyrischen Qualität.

Am Ende dann verstummt der Gesang und weicht im Instrumentalstück «September Nowak», benannt nach einer Figur aus Berges’ unlängst erschienenem Romandebüt, einer herbstlichen Gitarren-Melodie zu schleppendem Bossa-Beat. Es ist, so meint man, ein Song über das Glück der Einsamkeit. Verständlich ist er auch ohne Worte.

 

Artikel vom 22. September 2010, 03.23 Uhr