Kölner Band „Erdmöbel“

Die Birken hinter Stahlbeton

Von Frank Sawatzki, 19.09.10, 21:23h, aktualisiert 20.09.10, 10:43h

Das neue Album der Kölner Band Erdmöbel ist erschienen. In ihren Songs sind die Worte die Stars. Die Band hat schon einigen Erfolg mit ihnen eingeholt. Mit „Krokus“ haben sie nun ihre Meisterprüfung in Wortmusik abgelegt.



Kölns beste Band, die Erdmöbel. Links vorne: Produzent Ekki Maas, rechts Sänger und Texter Markus Berges. (Bild: Matthias Sandmann)
Neues Erdmöbel-Album

Sorpe, Banfe, Schobse, Milz. Mit diesen vier Worten beginnt ein Song auf dem neuen Album der Kölner Band Erdmöbel. Google sei Dank wissen wir in Sekundenschnelle, dass es sich dabei um Flüsse handelt. Was Google noch nicht erfasst hat: Dass dieses Flussquartett eben auch ein spezielles Sounderlebnis bietet.

Bei Erdmöbel geht es um diesen Fluss der Sounds, wie die Worte zu manchmal wunderlichen Klangtürmen zusammenfinden, wie sie sich im Kreis drehen und Assoziationen freigeben, plötzlich auf den Boden der Tatsachen fallen, unangenehm hart auf den Beat knallen. Die Worte sind die Stars in den Erdmöbel-Songs, die Band hat schon reichlich Beifall mit ihnen eingeholt. Mit „Krokus“ haben sie nun ihre Meisterprüfung in Wortmusik abgelegt.

Wenn Sänger und Texter Markus Berges von Erdmöbel berichtet, beginnt er lieber von Prozessen zu erzählen, die das Arbeiten in einer Band auch nach 15 gemeinsamen Jahren spannend machen. Im Spiel könnten die Musiker „sich von ihren Absichten trennen“, neue „Bedeutungserlebnisse“ finden. Diesmal kam eine zweite Spielebene für den studierten Germanisten hinzu: Die Aufnahmen zu „Krokus“ entstanden zur gleichen Zeit wie sein Debüt-Roman „Ein langer Brief an September Nowak“.

Gehadert mit der deutschen Sprache haben Erdmöbel im Gegensatz zur Konkurrenz nie. Sie haben sich ihr Deutsch aus dem Zusammenspiel der Laute noch einmal neu erobert, bis die Worte zur Musik wurden, die mit den Instrumenten harmonierte. Rock ist das, was Erdmöbel spielen, schon lange nicht mehr. Flügelhorn, Posaune und Piano schwirren wie die Motten um die neuen Melodien, die so hell strahlen. Im schönsten Song des Albums drehen die Melodien unterm Sommersonnenlicht Pirouetten. „Brasilia“ hat Markus Berges in das Fantasieuniversum Oscar Niemeyers verpflanzt, wo ein paar Beatles-Klone „Strawberry Fields“-Flöten spielen, mit den Worten zieht ein Film an uns vorbei: „die Birken hinter Stahlbeton“, „die Welt am Stiel“, „ihre Beine im Kassenhäuschen der Stadtverwaltung“. „Am Ende geht es darum, welch romantische Vorstellung man von den Dingen hat, die man nicht kennt“, sagt Markus Berges. Was auch eine Umschreibung für das sein könnte, was im Roman passiert.

Berges geht über die Strecke von 200 Seiten auf Reise mit seiner Protagonistin Betti, die ihre langjährige Brieffreundin September Nowak im mondänen Monaco besuchen will und in einem Gestrüpp aus Verrat und Betrug landet, das zum Startpunkt einer Identitätssuche wird. Was Realität und was Wunschbild ist, vermag der Leser in diesen mit leichter Hand ineinander gewobenen Traumbildern kaum mehr zu entscheiden, bis Betti sich Jahre später in einer Foto-Arbeit von Andreas Gursky zu entdecken scheint, „Monaco, 2006“. Als wäre sie der Aufforderung des Künstlers gefolgt, die Welt zu interpretieren und neu zusammenzusetzen, sozusagen mit dem „Google-Earth-Blick“ ihrer Imagination. „Es geht im Roman um verschiedene Ebenen von Kunsterlebnissen: Geschichten erzählen, sich erlauben, total rumzuspinnen. Das ist auch für die Arbeit von Erdmöbel ein wichtiges Element“, sagt Markus Berges. „Die Kunst ist doch das Tableau, auf dem sich alles löst.“

Erdmöbel beherrschen sogar die seltene Kunst, ihr Bandmotto in einem Songtext unterzubringen. „Arbeiten aber heißt unternehmen, etwas anderes zu denken, als man zuvor dachte.“ Bei „Krokus“ war das erst einmal eine Alles-egal-Haltung: Nach dem Coverversionen-Album „No 1 Hits“ wollte man kompromisslos sein, sich jede Komplexität gönnen. Im Aufnahmeprozess entsteht dann jene Leichtigkeit, die als Markenzeichen der Erdmöbel-Songs gilt. „Im Roman muss ich jedes verdammte Problem selber lösen, wenn ich einen Song habe und ihn der Band gebe, ist es oft so, dass ich das Ding viel besser zurückbekomme, als ich es geschrieben habe.“

Das sind so die Sicherheiten nach 15 Jahren Erdmöbel. Ungefähr genauso lang leben und arbeiten die Musiker in Köln. Dass er wirklich in Köln angekommen sei, merke er daran, dass Empfindlichkeiten und Aggressionen gewachsen seien, sagt Markus Berges. „Erstmal war Köln ganz toll. Wenn du mit etwas zu viel Selbsthass ausgestattet bist und aus einer etwas langweiligen Stadt wie Münster kommst, ist es toll, in eine Stadt zu kommen, die dazu neigt, sich für jeden Mist abzufeiern.“ Das mache Köln aber doch auf eine ganz sympathische, provinzielle Art, meint Bassist und Produzent Ekki Maas. „Aber wenn dann so Sachen passieren wie die Kungelei mit dem Stadtarchiv und der U-Bahn, stehen wir plötzlich wehrlos davor. Da kann man die Wut kriegen. Wir haben eine Menge Liebeslieder auf Köln geschrieben, das reichte jetzt mal.“

Auf „Krokus“ ist ein Hasslied auf die Stadt Köln enthalten. „Fremdes“ heißt es und fängt lautmalerisch mit - Sorpe, Banfe, Schobse, Milz - und assoziiert sich in einer seltsamen Bilderfolge bis zum bitteren Finale fort: „Fremdes, Billiges, Lautes und Hässliches.“ Schlechter ist Köln lange nicht mehr weggekommen.