CD Kritik: Krokus (Pop) von Erdmöbel

Von Stefan Weber

14. Sep 2010

 

Ein Marketing-Coup? Vielleicht. Markus Berges veröffentlicht - zeitgleich mit dem neuen Erdmöbel-Album 'Krokus' - seinen Debütroman 'Ein langer Brief an September Nowak'. Dass ein renommierter Verlag an ihn herantrat, ist eigentlich nur eine logische Konsequenz: Wortmächtiger, eigenwilliger und bildreicher als der Sänger dichtet niemand im deutschsprachigen Pop. Auch auf 'Krokus', dem achten Album der Kölner Band, kann man, ja muss man sich an Berges' Texten zunächst lange reiben, um ein Gefühl von Wärme zu verspüren.

'Sorpe, Banfe, Schobse, Milz': Die zunächst krude wirkenden Worte, die der Sänger dem Hörer zu Beginn von 'Fremdes' fast schon aggressiv entgegenschleudert, sind nur ein leicht verstörendes Beispiel für Berges' Lyrik. Gut, ein Blick ins Internet genügt, um festzustellen, dass der Sänger hier einfach die Namen kleinerer deutscher Flüsse aneinanderreiht.

Dennoch formen sich die ungewöhnlichen Bilder und Wortungetüme (schön etwa die 'Crackpfeifentaille' oder 'Ausstellung über das Glück' im Hygienemuseum Dresden) auf 'Krokus' eher selten zu nachvollziehbaren Geschichten, wie es frühere famose Songs wie 'Wette unter Models', 'Mit dem falschen Schatz in Venedig' oder 'Russischbrot' taten.

Wenn man so will, gibt Berges selbst den entscheidenden Anhaltspunkt für das Verständnis seiner Texte: 'Wort ist das falsche Wort / Es ist mehr Akkord'. Und in der Tat: Oft klingen die Worte und Reime eher, als dass sie Inhalte oder Geschichten transportieren, Berges' Gesang wirkt eher wie ein zusätzliches Instrument. Überhaupt wirkt der Sound auf 'Krokus' insgesamt ausgefeilter und anheimelnder als auf vorherigen Erdmöbel-Alben. Die Gitarren werden zum Großteil verbannt, oft spendet das Piano Wärme und Melodie, Bläser setzen angenehme 60er-Jahre-Pop-Tupfer. Und nicht nur die sanfte Bossa-Nummer 'Brasilia' verbreitet eine swingende Leichtigkeit, auf die Songwriter-Legenden wie Burt Bacharach oder Henry Mancini neidisch werden könnten.

All das macht 'Krokus' zu einem Album, das den Hörer vor den Kopf stößt, während es ihn zeitgleich in die Arme schließen will. Ein Album, das entdeckt werden will, entdeckt werden muss. Wäre schön, wenn der Marketing-Coup dafür sorgt, dass sich nicht nur Erdmöbel-Fans darauf einlassen.