MTV Blog Interview Erdmöbel: “Es sollte eine gewisse Aggressivität haben”

Ein Album, ein Buch, ein neues Leben. Ob Erdmöbel wissen, auf welches Level sie sich mit ihrem neuen Album “Krokus” manövriert haben, ist ungewiss – doch wer weiterhin nur Tocotronic und Blumfeld sagt, wenn es um intelligenten deutschsprachigen Pop geht, hat die Kölner Band nicht gehört oder nicht verstanden.

Im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg haben es sich die Erdmöbel gemütlich gemacht und empfangen die Journalisten zum Interview, als gebe es nichts Angenehmeres für sie zu tun. Allein Bassist und Gitarrist Ekimas begrüßt den Autor dieser Zeilen, als handele es sich um einen lange nicht mehr gesehenen, guten alten Freund: “Kamera bereit, bitte alle lächeln”, dirigiert er und schießt ein Erinnerungsfoto von der Gesprächsrunde – noch bevor diese überhaupt loslegt.

Fotografieren scheint neben der Musik sein Ding zu sein und deswegen lieferte er auch höchstpersönlich das Coverbild (siehe unten) zur neuen Platte der Band namens “Krokus”. Ein Titel, so sinnbildlich wie die darauf enthaltenen Songs: Verglichen mit dem Klamaukvorgänger “No.1 Hits” präsentieren sich die Erdmöbel im 15. Jahr ihres Bestehens kantig, eckig und manchmal überraschend harsch. Wo oftmals die Harmonie und ein durchweg beschwingter Charakter die Vorgängerwerke prägte, ist jetzt die Schutzfolie vom Reibeisen entfernt worden und man hobelt, was das Zeug hält.

“Nach den ‚No.1 Hits’, die uns einen gewissen Rahmen vorgaben, selbst wenn die Coverversionen von uns frei ins Deutsche übersetzt wurden, gab es bei der neuen Platte eigentlich keine konkreten Vorgaben”, erklärt Sänger Markus Berges in seiner gewohnt ruhigen Art und vermittelt das Gefühl, stets scharf und präzise das Schaffen seiner Band zu analysieren. Allerdings ist er nicht wie Jochen Distelmeyer einst bei Blumfeld der alleinige Wortführer und seine Kollege nur die Zuarbeiter.

 

Ekimas lässt in aller Regel keine Gelegenheit ungenutzt um die Aussagen Berges zu vervollständigen. “Die Songs sollten schon eine gewisse Aggressivität besitzen”, meint er  und erntet ein wohlwollendes Nicken seines Gegenüber, Keyboarder Wolfgang Proppe, der das gesamte Interview hindurch hochkonzentriert wirkt. Die öffentliche Meinung über “Krokus” geht derweil auseinander: Während der deutsche Rolling Stone von “allergrößtem Pop-Impressionismus” spricht, mosert der Spiegel am Gesamtergebnis herum und stellt den aktuellen Hype rund um die Kölner Band vehement in Frage.

Als Außenstehender möchte man beidem zustimmen, denn einerseits handelt es sich beim neuen Erdmöbel-Werk fraglos um eines der musikalischen Highlights des Jahres und andererseits ist der damit einhergehende Hype leicht befremdlich. Weil Berges & Co. längst bewiesen haben, was sie können und keinerlei mediale Schützenhilfe brauchen – inzwischen Seminare an Universitäten geben, in denen sie sich als Gastdozenten dem Thema Songwriting annehmen und wohl von jedem Student im Saal angesichts der unfassbaren Qualität der neuen Platte neidvolle Blicke ernten.

 

“Es lässt sich schwer sagen, was einem während der Arbeiten am Album durch den Kopf ging – sind ja meist tausend Sachen zugleich”, resümiert Berges und sucht nach dem Grundgefühl, das “Krokus” bei der Entstehung anhaftete, “wir wussten, dass es schwierig werden könnte, dass das Ergebnis als solches sperrig klingen wird. Allerdings störte das niemanden, es gefiel uns sogar.” Wobei gerade er einer Doppelbelastung ausgesetzt war, denn zeitgleich zum neuen Erdmöbel-Album kommt sein Roman “Ein langer Brief an September Nowak” in die Läden.

Wer jedoch vermutet, dass das Buch und die Platte viel gemeinsam haben, liegt ein wenig falsch: Einzig das Schlussstück auf “Krokus” mit dem namensverwandten Titel “September Nowak” darf als Soundtrack verstanden werden. Für Ekimas zeigt sich aber selbst an einer Symbiose wie diese, wie sehr sich die einzelnen Mitglieder der Erdmöbel nach all den Jahren aufeinander eingespielt haben: “Alleine würde ich ganz andere Musik machen, vollkommen entgegengesetzt.”

Drum’n’Bass etwa? “Ja”, kommt prompt die Antwort und wird sogleich richtig gestellt, “nein, also nicht Drum’n’Bass. Aber elektronische Musik habe ich auch schon gemacht. Sachen, die am Computer entstanden sind.” Berges stimmt den Ausführungen seines Kollegen zu und erzählt, dass er und die Band ein Verständnis aufgebaut haben, dass sie manchmal vollkommen wortlos miteinander kommunizieren lässt.

“Krokus” läutet dagegen die blaue Phase der Erdmöbel ein und will sich bewusst absetzen, anecken und begeistert genau deswegen: Manche Künstler träumen ihre ganzes Leben von nur einem dieser famosen Songs, während Berges & Co. sie locker aus dem Ärmel schütteln. Spielend leicht, sozusagen.

Aktuelles Album: Erdmöbel “Krokus” (Edel)

http://blog.mtv.de/2010/10/mtv-blog-interview-erdmoebel-es-sollte-eine-gewisse-aggressivitaet-haben/