Dienstag, 19. Oktober 2010

Peinlichkeit hat keinen Zutritt - Das Glück in Wort und Ton

von Hubertus Volmer

Live sind Erdmöbel sogar noch besser als auf ihrem allgemein ziemlich umjubelten Album "Krokus". Wenn Markus Berges auch noch aus seinem Roman "Ein langer Brief an September Nowak" liest, singen alle "Das Leben ist schön".

Darf man ein Buch besprechen, gar empfehlen, dass man erst zur Hälfte gelesen hat? Natürlich nicht. Außer man hat eine gute Entschuldigung. Ich habe diese: Anstatt in der S-Bahn "Ein langer Brief an September Nowak" von Markus Berges zu lesen, höre ich das neue Album "Krokus" seiner Band Erdmöbel. Das geht schon viel zu lange so und ein Ende ist nicht in Sicht.

Erdmöbel sind derzeit überall. Am Montagabend sind sie im Berliner Kino Babylon, Berges hat sie zur Buchpremiere mitgebracht. Er liest aus seinem Buch, er liest sehr gut. Wird es ein Hörbuch geben? Ja, ist geplant, sagt später der Chef seines Verlags Rowohlt-Berlin, Gunnar Schmidt. Hauptfigur des Romans ist eine junge Frau, die ihre Brieffreundin in Monaco besuchen will und furchtbar enttäuscht wird. Berges sagt, er finde es ganz normal, aus der Perspektive von Frauen zu schreiben. Das gilt auch für seine Songs.

An diesem Abend muss sich niemand zwischen Buch und Musik entscheiden. Nach der Lesung spielen Erdmöbel. Live ist die Band aus Köln sogar noch besser, intensiver, irgendwie ein bisschen jazziger. Schmidt erzählt, Berges und er hätten bei ihrer ersten Begegnung unter anderem über ihre gemeinsame Begeisterung für den frühen Van Morrison gesprochen. "Astral Weeks" und "Moondance", das passt. Vielleicht könnte das Hörbuch zusammen mit einem Live-Album erscheinen?

Die Geschichte hinter "September Nowak" ist dem echten Leben entlehnt: Eine Freundin habe sie ihm bei einem Spaziergang in Berlin erzählt, sagt Berges, und sie sei ihm unwahrscheinlich nahe gegangen. Die schier grenzenlose Enttäuschung der jungen Frau aus Warendorf, deren Brieffreundin September Nowak sich als fette Aufschneiderin entpuppt, ist der Startschuss für die Geschichte einer Selbstfindung. Betti übernimmt den Namen und das erfundene Leben von September Nowak und startet eine Reise durch Südfrankreich. Ich weiß noch nicht, ob Betti sich findet, aber das ist egal, auch beim Lesen ist der Weg das Ziel.

Bei der Abgabe des Manuskripts habe Berges sich wie "zwischen Hans-Henny-Jahnn-Preis und Scham" gefühlt, zitiert Schmidt aus einem Brief seines Autors. Genauso sind das Buch und die unfassbaren Texte von Erdmöbel, die Berges schreibt. Zwischen großem Gefühl und alltäglicher Beobachtung.

Im Babylon bringen Berges, Bassist Ekki Maas und die anderen Erdmöbel das Publikum zum Klatschen und zum Singen. Zu dem Song "Das Leben ist schön" verteilen sie Streichholzschachteln, mit denen man für rhythmische Untermalung sorgt. Mitklatschen? Mitsingen? In Berlin-Mitte? An diesem Abend bleibt jeder Anflug ungelenker Peinlichkeit draußen.

Beim Rausgehen sehe ich Sascha Lobo. "Das Leben ist schön" habe ihn "in diese Stimmung des melancholischen Pathos versetzt, wo man je nach Tageslaune vor Freude Schluckauf bekommt oder Tränen in den Augen hat und nur noch Riesling hilft", hatte er kurz zuvor auf seiner Website geschrieben. In diesem Fall gibt es noch eine andere Kur. Ich habe das halbe Buch von Markus Berges noch vor mir. Das Leben ist so schön.

http://www.n-tv.de/leute/buecher/Das-Glueck-in-Wort-und-Ton-article1742481.html