Manchmal ist Wort das falsche Wort

Mehr als nur Musik: Erdmöbel

von Jörg Giese

  Fünf Jahre gab es keine neue CD mit eigenem Material der Band Erdmöbel. Hört man sich ihr aktuelles Werk „Krokus“ an, scheint der Kreativitätsstau den Kölnern um Texter und Komponist Markus Berges äußerst gut bekommen zu sein. So verspielt, befreit und abwechslungsreich kommen die Lieder daher.

Ein Dichter, der verdichtet: Markus Berges (2.v.li.).
Ein Dichter, der verdichtet: Markus Berges (2.v.li.).
Foto: Ekimas

Den originellen Sound ihrer letzten CD „No. 1 Hits“, einer Sammlung deutscher Coverversionen von Robbie Williams bis Nirvana, haben sie noch mal verfeinert. Die Gitarre bleibt dezent im Hintergrund, das Piano trägt die schaumweichen Melodien, während Waldhorn, Posaune und Querflöte in opulenten Bläsersätzen für dramatische Akzente sorgen. Dazu kommt der Beatles-Bass von Produzent Ekimas, der nicht nur mit jedem Jahr Paul McCartney ähnlicher sieht, sondern sich auch als Arrangeur mit dessen Einfallsreichtum messen kann.

Die ausgefeilten Popsongs, deren musikalische Komplexität unaufdringlich bleibt, bedienen sich zwar im Klangfundus der 60er, klingen dabei aber höchst zeitgenössisch. Außergewöhnlich werden die Lieder schließlich durch die Texte von Markus Berges. Er ist der große Verdichter unter den Pop-Dichtern. Wo andere drei Strophen brauchen, reichen Berges drei Worte. Das macht seine Texte nicht zugänglicher, aber reicher.

Neu ist, dass die Band jetzt sogar politische Töne anschlägt. „Fremdes“, die aktuelle Single, reagiert mit einem Köln-Diss auf den Einsturz des Stadtarchivs; „Arbeiten“ ermuntert zur Aufmüpfigkeit am Arbeitsplatz. Gänzlich entgegengesetzt: Der Opener „77te Liebe“, in dem Berger rein assoziativ „Petersilie, Seife, Feldspat, Nickel, Pferdehaar, Benzin“ aufzählt. Wie ein Verliebter, der seiner Süßen die verschlüsselten Stichworte zuruft, bevor er im Refrain „Heirate mich“ jubiliert. Markus Berges ist es übrigens egal, ob der Hörer sich die Mühe macht, seine Texte zu enträtseln. Ihm geht es um die Freude am Klang von Worten, an der Vieldeutigkeit ihrer Bilder. „Wort ist das falsche Wort“, singt er an anderer Stelle, „es ist mehr Akkord.“

Wenig überraschend, dass Berges von Verlagen Anfragen erhielt, ob denn da schon ein Roman in irgendeiner Schublade schlummere. Das war nicht der Fall. Dafür nahm der Musiker das Interesse als Anlass, sich an sein Prosa-Debüt zu wagen. In „Ein langer Brief an September Nowak“ erzählt er von der 19-jährigen Betti, die von Münster zu ihrer Brieffreundin nach Monaco fährt und enttäuscht feststellt, dass deren Leben in Wirklichkeit viel langweiliger ist als auf dem Papier. Und so reist Betti alleine weiter, um herauszufinden, wie abenteuerlich ihr eigenes Leben sein könnte.

Erdmöbel: Krokus.