Evergreens beim Wort genommen

"Was geht, Muschikatz?" Die Kölner Band Erdmöbel deutscht internationale Hits ein

Von Michael Pilz

Die DDR hätte gern ihr eigenes Deutsch gesprochen. Sie bezeichnete den Sarg als "Erdmöbel". Die Bürger aber sagten: Sarg. Nicht um die staatliche Bevormundung zu brechen, sondern einfach aus gebotenem Ernst. Ein Sarg, sogar der sozialistische, war immer noch ein Sarg. Man dachte nicht daran, das Erdreich zu möblieren.

Dass eine Kölner Popband seit zwölf Jahren unter dem Namen Erdmöbel auftritt, war wohl der grassierenden Neunzigerjahre-Ironie geschuldet. Nun erinnern Erdmöbel mit "No. 1 Hits" an noch frühere Versuche, Welthits einzudeutschen. "What's New Pussycat", im Original gesungen von Tom Jones geht nun so: "Was geht, Muschikatz? Muschikatz, Muschikatz, ausschließlich dich mag ich." Gehört klingt diese Übersetzung nicht ansatzweise so beknackt wie gelesen. Zum einen, weil das Original kaum subtiler klingt; vor allem aber, weil sich Erdmöbel den Sechzigern und dem Komponisten Burt Bacharach verbunden fühlt.

Man muss Markus Berges dabei singen und Gitarre spielen sehen. Berges, der Anzüge und wuchtige Brillen trägt, als wäre die Kapelle nur ein kauziges Hobby, hat das Repertoire im Wesentlichen zu verantworten. So zauberhafte Stücke wie "Lied über gar nichts", sechs Alben und zu Weihnachten 2006 die Nachdichtung des Adventshits "Last Christmas": "Weihnachten ist mir doch egal". George Michael durfte sich zutiefst verstanden fühlen.

In die Irre führen einen eher absurde Transkriptionen. Etwa "Auf und ab", ein Technowitz der Vengaboys. Oder "Das Modell" nach Kraftwerk, dessen Text unverändert vorgetragen, aber von tantiger Tanzmusik begleitet wird. Doch das führt einen nicht in die brüllende Ironie der Neunziger zurück, sondern hinein in eine aktuelle Post-Pop-Schwermut. "Lasst uns das Wort Pop mal ernst nehmen", so Berges. Wortwörtliche Übersetzungen entlarven weniger das Original, als dass sie eine rührende Erhabenheit erzeugen. Erdmöbel nimmt sogar Kylie Minogue beim Wort: "Ich krieg es nicht aus meinem Kopf, Süße, alles, an was ich denke, ist ... lalala."

So war es in den Sechzigerjahren Brauch, als Pop in Deutschland noch als so frivol galt, dass sich das Gesungene nicht von selbst verstehen konnte. Englisch galt als Fremdsprache. Aber so ein Zeitgeist hat auch Kuriositäten hinterlassen. Dass die Beach Boys "In My Room" als "Ganz allein" zum Besten gab und Karel Gott es übernahm, die finsteren Botschaften der Rolling Stones den Deutschen halbwegs zu erklären. Damals, 1968, landeten die Bee Gees mit "I Started A Joke" einen Hit. Markus Berges singt: "Ich machte 'nen Scherz, und alle Menschen weinten. Da weinte ich mit, und alle Menschen lachten." Man kann nichts erzwingen. Pop ist keine Propaganda. Pop gehört dem Volk. Zu solchen Weisheiten sollte sich geradezu verpflichtet fühlen, wer sich das Wort "Erdmöbel" in aller Munde wünscht. Wie heute eine kleine Band aus Köln.

Erdmöbel: "No. 1 Hits" (Columbia/Sony BMG)

Aus der Berliner Morgenpost vom 21. Mai 2007