Was geht, Muschikatz?

Von Tom Jones bis Kylie Minogue: das große Erdmöbel-Album eingedeutschter Chartskracher

Carmen Böker

Viele tierliebe Menschen würden ja gern das Poster zum Album haben wollen: Auf der am heutigen Freitag veröffentlichten CD von Erdmöbels "No. 1. Hits" stehen vier Pferde so anmutig und audrey-hepburn-äugig da, als würden sie für den nächsten Pferdekalender posieren. Und genauso arrangiert stehen die vier Musiker auf der Rückseite des Booklets da - vielleicht sind ihre Schultern nicht ganz so sportlich gestrafft wie die der Pferde, und vielleicht lassen sie jene sogar etwas hängen, so, als seien sie nur die Kleiderständer ihrer unschicken Retro-Anzüge (aber innigsten Dank dafür, dass sie sich dem Altern in allzu juveniler Freizeitkleidung verweigern). Interessanterweise - und weil man bei Erdmöbel solche schrägen Feinsinnigkeiten immer besonders gern findet - sehen die Menschen auch ein wenig aus wie die Tiere: der Fuchs mit der weißen Stirnblesse wie der Sänger und Gitarrist Markus Berges, das wuschelige graubraune Exemplar wie Ekimas (Bass, Gitarre, Gesang, Posaune, Electronics, Arrangements), der immer noch einen absonderlichen Topfschnitt favorisiert. Wolfgang Proppe (Klavier, Orgel, Synthesizer, Horn) und Christian Wübben (Schlagzeug, Gesang) komplettieren harmonisch die mittlerweile in Köln ansässige Herrengruppe, die Anfang der 90er-Jahre in Münster aus der Vorgängerformation The Coffins begründet wurde und sich mit der Übertragung des Namens programmatisch dazu entschloss, künftig auf Deutsch zu singen.

Ein Album mit lauter neu interpretierten und übersetzten Titeln - von den Bee Gees über Robbie Williams bis Nirvana -, die es an die Spitze der Single-Charts und in die heavy rotation der Radiosender geschafft haben, soll es nun also sein. Da darf man schon mal bedenklich werden, denn in den letzten Jahren sind viele solcher Unternehmungen über uns hereingebrochen, von Señor Coconut und The Boss Hoss bis hin zu Max Raabe und Nouvelle Vague. Nicht wenige davon waren unangenehm karnevalsheiter und erschöpften sich interpretatorisch darin, mit dem Genre des Songs möglichst grob zu brechen: Kraftwerk etwa bekam den Bossa Nova übergeholfen und die Sisters of Mercy Country-Gejuchze. Erdmöbel aber - mit ihrer expressiven Poesie der Beiläufigkeit irgendwo zwischen Hamburger Schule und Easy Listening angesiedelt - gehen mit strikter Werktreue vor und liefern keinen einzigen Hit einfach bloß wohlfeiler Ironie aus. Dem unfassbar dämlichen Eurodiscotrash-Titel "Up And Down" der Vengaboys (1999) geben sie die heitere Unschuld einer Kindergeburtstagstoberei zurück: "Auf und ab/ und auf und ab/ und auf und ab" (da capo al fine). Kylie Minogues "Can't get You Out Of My Head" (2001) verfügt über nur wenig mehr Text - "Ich kriege es nicht aus meinem Kopf, Süße, alles woran ich denken kann, ist, ich krieg es nicht aus meinem Kopf ." - und gewinnt gerade in dieser Repetition an zauberhaft emotionaler Zutraulichkeit.

Und auch durch die Variante von Tom Jones' "What's New, Pussycat?" (1965) tobt exakt der dadaistische Irrwitz des Originals: "Muschikatz, Muschikatz,/ die ganze Nacht/ hab ich mitgebracht/ und ein Bouquet./ Geh jetzt und puder dir/ die winzige Muschikatznase." Herrlich! Wie übrigens auch schon die früheren Versuche in diesem Fach: Auf dem 2005er Album "Für die nicht wissen wie" reinterpretierten Erdmöbel das früher von den Carpenters zum Besten gegebene "(They Long To Be) Close To You" - mit den schönen Zeilen "Sag mir, wo kommen all die Tiere her, die so tun, als ob nichts wär? So wie ich wünschen sie sich nah bei dir." Und zum letzten Weihnachtsfest widmeten sie sich dann erfolgreich "Last Christmas" von Wham!: "Weihnachten/ ist mir doch egal. / Ich bin drei Karat/ Kaugummiautomat".

Eine besonders hinreißende Fassung gelingt Erdmöbel auf "No. 1 Hits" bei "A Whiter Shade Of Pale" von Procol Harum (1967), das bei ihnen den kongenialen und inhaltlich ungleich erhellenderen Titel "Fahler als nur fahl" trägt; Hunderte von Fankränzchen befassen sich ja immer noch im Internet mit der wahren Botschaft dieses Liedes und wollen sich meistens nicht damit abfinden, dass der Text womöglich nur die rudimentäre Rückschau auf eine alles andere als stocknüchtern durchgestandene Nacht behandelt. So dalíesk wie Brie im Hirn zerfließt die erste Strophe von Procol Harum: "We skipped a light fandango/ turned cartwheels 'cross the floor./ I was feeling kinda seasick/ but the crowd called out for more./ The room was humming harder/ as the ceiling flew away./ When we called out for another drink/ the waiter brought a tray." Und Markus Berges macht daraus wunderbar bildreiche Unsinnslyrik: "Wir tanzten den Fandango,/ wie sich die Bären drehen./ Schon davon war mir schwindlig,/ doch sie wollte Sterne sehen,/ summte Risse in die Wände,/ bis die Decke sich empfahl./ Der Ober brachte ständig Geister,/ auf Tabletts und auf Signal." Und sind das nicht besinnliche Erinnerungen, wie man sie nur zu gern nach dem allabendlichen Herumsumpfen heraufbeschwören können würde? Bei Procol Harum wurde für das an Bachs "Air" angelehnte musikalische Motiv noch gefühlsduselig die Hammondorgel durchgewalkt, bei Erdmöbel hingegen tuten schon fast eingeschlafene Blechblasinstrumente ein letztes Halali.

So wird traulich funkelnd ganz neu, was zuvor noch unter Geht-eigentlich-gar-nicht-mehr lief. Auch "Einer wie wir", abgewandelt von Joan Osbornes "One Of Us" (1996), rückt so nah, wie es uns nie war: "Wäre Gott einer wie wir,/ eingeschlafen mit nem Bier,/ nur ein Fremder um halbvier/ in der letzten Straßenbahn,/ der versucht, nach Haus zu fahr'n ."

Das Album Erdmöbel: "No. 1 Hits" erscheint heute bei Sony BMG.