25. Mai 2007 

Wirklich, zwölf tolle Schlager!

„Was geht, Muschikatz?“ Hits von Tom Jones bis Robbie Williams hat die Band „Erdmöbel“ so witzig wie ironielos verdeutscht. Das geht? Das geht.

Zwölf Nummer-eins-Hits von 1965 bis 2001, Wort für Wort ins Deutsche gebracht. Da liegt der Gedanke einer ironischen, parodistischen Absicht nahe.

Ekki Maas: Wir haben irgendwann beschlossen, sogar schon vor der ersten Platte, dass wir das mit den Witzen seinlassen, weil das kein Mensch versteht. Wir haben versucht, diese Sachen, die einmal populär waren, auf eine Ebene zu bringen, wo sie wieder schön sind.

Markus Berges: Ganz ironiefrei. Wir wollen uns nicht über irgendetwas lustig machen, schon gar nicht über das Nummer-eins-Hitmäßige, das genau das war, was uns fasziniert hat: dass das einmal alle fasziniert und alle umgehauen hat.

Maas: Eben auch normale Leute, keine Kenner. Das ist es, worunter wir all die Jahre gelitten haben: dass wir eine Kennerband sind. Das wollen wir nicht sein. Wir haben jetzt ein bisschen Last mit alten Fans, die uns gepachtet haben für ihr Exzentrikertum. Darauf kann man keine Rücksicht nehmen. Wir sind Musiker, wir machen Musik, die muss sich verändern, sonst ist sie nicht schön.

Muss gut sein, was alle gut finden? Gibt es eine Objektivität der Nummer eins?

Berges: Tatsächlich war unser Programm der Ausschluss des subjektiven Faktors. Das klassische Coveralbum ist ein Lieblingsliederalbum. Das ist uns zu nah an der Idee, uns selbst auszudrücken, uns musikalisch selbst zu verwirklichen. Das machen wir normalerweise schon nicht, und diesmal sind wir besonders weit gegangen, indem wir diese Idee hatten - eine Eingebung eher als etwas Ausgedachtes. So haben wir Titel ausgewählt, an denen uns natürlich irgendetwas gefällt. Es war aber auch immer irgendetwas daran, das uns richtig gestört hat.

Maas: Als Produzent mache ich immer wieder die Erfahrung: Wenn man es richtig macht, ist jeder Song schön. Wir haben so extreme Sachen wie „Riecht wie Teen Spirit“, den „Nirvana“-Song, der gar nicht mehr als Song wirkt. Daran hängt die ganze Legende von diesem Mann, der sich umgebracht hat, und diese Generation, die sich nach ihm benannt hat - ganz grauenvoll. Ich wollte diesen Song auch nicht machen, aber alle anderen haben gesagt: Muss jetzt sein. Das Stück ist gut, und vielleicht haben wir es hingekriegt, dass nicht mehr Kurt Cobain das singt, sondern das Stück selber singt.

Verschwunden ist der „Mulatto“, der auch ein „Albino“ ist.

Berges: Es gab eine Version mit dem Albino und eine mit dem Mulatten. Er reimte sich auf „eine Matte, Caffelatte, gut in Mathe“.

Maas: Wir haben dann gesehen, dass man es nicht wörtlich übersetzen sollte. Da wird mit rassistischen Sachen gespielt, die im Deutschen nicht funktionieren.

Berges: Zum Teil habe ich sehr wörtlich übersetzt, zum Teil musste ich sehr weit weggehen vom Original, um genau diesen Eindruck zu erzeugen. Ich bekomme den Text erzählt, den mir auch schon das Original erzählen wollte. Eigentlich ist das unser Ziel gewesen, dass man das Gefühl bekommt: Hej, jetzt verstehe ich endlich einmal das Original.

„A Whiter Shade of Pale“ wird zu „Fahler als nur fahl“, und wo bei „Procul Harum“ steht „We skipped the light fandango“, heißt es nun genau umgekehrt: „Wir tanzten den Fandango.“

Maas: Wir haben uns das so erklärt, dass es wahrscheinlich im Englischen eine Reihenfolge gibt: Wenn man den Fandango auslässt, dann macht man es nicht richtig. Und das gibt es ja nicht in Deutschland. Wir haben nicht wirklich Tanzkurse gemacht, aber . . .

Christian Wübben: Wenn du den Wiener Walzer auslässt . . .

Maas: (singt) Wir ließen den Wiener Walzer aus . . . Der Fandango musste unbedingt drin sein.

Wolfgang Proppe: Ich habe die erste Zeile mein ganzes Leben lang ganz anders verstanden: „We skipped the light“, wir machten das Licht aus, Fandango - Fandango als Name. Ich habe nie richtig darüber nachgedacht, das war so meine Version.

Maas: Viele Engländer verstehen das auch so. Wir ließen das Licht aus, Fandango! Und deswegen wird auch dieser Text als schwachsinnig empfunden, weil gleich die erste Zeile nicht verstanden wird.

Berges: Es ging für uns darum, erst einmal diese Assoziation klarzukriegen. Jemand wie ich, wenn er das dann hört, weiß: Das muss wohl ein Tanz sein, sonst könnten sie den nicht tanzen.

Maas: Man kann den Text sehr gut verstehen, obwohl er so psychedelisch ist. Ehrlich gesagt, solche schönen Lieder sind an der Spitze der Charts selten. Tausend Stück haben wir durchgeguckt, ich habe eine Vorauswahl von ungefähr zweihundert Stück gemacht. Wenn einem irgendetwas auffiel, dann wurde das gemacht. Wir haben auch nicht abgestimmt, demokratisch sind wir sowieso nicht.

Gab es den umgekehrten Fall, dass ein unvergesslicher Hit sich beim Nachschlagen als Nummer zwei entpuppte?

Wübben: Oft. Wir hatten alle „Such a Shame“ von „Talk Talk“ im Kopf.

Maas: Damals war es so: Wenn man irgendwo hinging, lief das den ganzen Abend. Es musste doch Nummer eins gewesen sein. War aber nicht.

Proppe: Stattdessen das Lied der Schlümpfe.

Berges: Gerade die deutschen Charts in den achtziger Jahren konnten einen zur Verzweiflung bringen.

Maas: Dabei ist „An der Nordseeküste“ auch schon die schöne Übersetzung eines irischen Volksliedes. Wir hätten gerne einen deutschen Schlager gemacht. Auf der Nummer-eins-Position war aber nichts, was ein bisschen Würde hatte. Überhaupt fanden die achtziger Jahre in unseren Kreisen ja komplett außerhalb der Charts statt. So sind wir froh, dass wir „Das Modell“ von „Kraftwerk“ gefunden haben. Wenn man bei „YouTube“ ihren Auftritt bei Thomas Gottschalks „Na sowas!“ sieht, möchte man doch „Kraftwerk“-Fan werden, oder? Wie diese Typen da völlig ungerührt vor diesem Publikum in dieser Kulisse stehen und sind wie immer. Die finden das noch nicht einmal lustig. Irgendwann haben sie die Kurve gekriegt und haben gesagt: Es ist egal, was um uns herum passiert, wir sind immer Künstler.

Berges: Eigentlich fühlen wir uns aber kaum von deutschsprachiger Musik beeinflusst. Wir sind wie die allermeisten Leute angloamerikanisch sozialisiert und haben das Privileg dessen genutzt, der das nicht als Muttersprache spricht: sich seinen eigenen Reim zu machen und nur so ungefähr hinzuhören und trotzdem starke Gefühle auch mit dem Text zu verbinden, also mit den Fragmenten. Ich versuche als Texter, möglichst viele Assoziationsräume zu eröffnen. Das geht aber nur auf, wenn ich etwas Bestimmtes und nicht Beliebiges will. Auch beim Number-One-Hit auf Deutsch soll man so ungefähr hinhören können, um ihn als Ganzes wahrzunehmen. Mit Hits setzt sich ja niemand intellektuell auseinander. Und das wollen wir auch nicht.

Maas: Wir versuchen ganz ausdrücklich, immer eine besonders glatte Oberfläche herzustellen, aber darunter passieren natürlich die heftigsten Sachen.

In der popkritischen Begleitung der Band „Blumfeld“ wurde bis zum Schluss der Eindruck vermittelt, Geläufigkeit bedürfe der geradezu geschichtsphilosophischen Rechtfertigung, sei tragbar nur als Konzept oder Position.

Maas: Das liegt aber an dem Typen, der unglaublich gerne darüber redet. Er hat immer Dinge gemacht, die provokant waren, gerade für die alten Fans. Bei der letzten Platte ist er wohl zu weit gegangen. Mir gefällt sie besonders gut. Darauf ist nichts Peinliches, weil er einfach so weit gegangen ist, dass man sagen muss: Der Mann hat sie ja wohl nicht alle. Über diese Platte kann man viel diskutieren, aber es ist nicht mehr nötig. Man muss nichts geraderücken.

Mir kommt es so vor, als beschwöre der Diskurs im Pop eine Gegenwelt zu der Musikindustrie, der man sich ja doch nicht entziehen kann, und zwar durch quasiindustrielle Begriffsarbeit: arbeitsteilig, entfremdet, anstrengend.

Maas: Es gibt doch die Gegenwelt. Das ist DSDS dingsda. Das ist keine Musik. Wer sich einbildet, dass die auch nur so etwas Ähnliches machen wie wir, der spinnt doch. Es gibt die Gegenwelt, wir brauchen also keine zu sein.

Will, wer Hits herausbringt, nicht als Star herauskommen?

Maas: Natürlich wollen wir Stars sein. Wir träumen zu Hause im Kämmerlein davon, große Stars zu sein, in der Wirklichkeit sind wir gerne keine. Das ist bei allen Musikern so.

Berges: Es ist ein pubertärer Wunschtraum gewesen, ganz wichtig als Motivation, sich überhaupt an seinem Instrument abzumühen. Aber irgendwann bin ich von dem Jungen, der davon geträumt hat, ein Star zu werden, zum Künstler geworden.

„No. 1 Hits“ von „Erdmöbel“ erscheint heute bei Sony/BMG (88697 05715 2).

Die Fragen stellte Patrick Bahners.



Text: F.A.Z., 25.05.2007, Nr. 120 / Seite 40
Bildmaterial: F.A.Z. - Matthias Lüdecke, Sony