Passauer Neue Presse 20.06.2007 

Was geht, Muschikatz?



Die Kölner Band „Erdmöbel“ will mit dem großartigen Coveralbum „No. 1 Hits“ die deutschen Wohnzimmer erobern

 
Spießiger geht’s kaum − aber sie tun zum Glück nur so: Die Kölner Band Erdmöbel hat sich aus der Insider-Ecke verabschiedet und ein Coveralbum mit Nummer-eins-Hits in deutscher Übersetzung rausgebracht. Das Ergebnis: Ungeahnte Poesie. (Foto: Erdmöbel)



Der Weg in die deutschen Wohnzimmer ist hart: Bei Erdmöbel beginnt er mit spießigen Anzügen und der Wiederbelebung der Topffrisur. Und er gipfelt in einem Besuch in einer der miefigsten aller bundesrepublikanischen Institutionen: im ZDF-Fernsehgarten, wo die Kölner Band ihr Tut-nur-so-Image so gut verkaufte, dass ein Besucher ihnen zurief: „Gleich holt euch Mutti ab!“ Mission gelungen, Ziel erreicht. Denn selbst das dient den nicht mehr ganz jungen Kölner Jungs zur Prestigepflege.

Wirrer Kosmos aus sperrigen Texten

Sie sind besonders. Und skurril. Eine Band, die jahrelang als Insidertipp galt und mit ihren sperrigen Texten eine verschworen alternative Fangemeinde in kleinen Clubs zum Jubeln brachte. Von Sänger und Texter Markus Berges werden die Fans mit einem wirren Kosmos aus sorgsam gehorteten Sprachschätzen versorgt. Nicht umsonst ist durch den Bandnamen eine der grandiosen sozialistischen Sprachschöpfungen vor dem Vergessen bewahrt, denn „Erdmöbel“ ist im DDR-Jargon Ausdruck für den Sarg, auch wenn der trotzdem ungerührt nur schnöder Holzkasten blieb.
Erdmöbel sind vier Musiker, die ihre handgemachte Popmusik mit wortklauberischen Texten unterlegen. Nur die Melodien haben sie sich beim neuen Album „No. 1 Hits“ ausgeliehen. Nach Highlights wie „Fotoalbum“ und der letzten CD „Für die nicht wissen wie“ haben sie nun ein Coveralbum rausgebracht - voller Nummer-eins-Hits aus den vergangenen 40 Jahren, von denen man einige nicht unbedingt freiwillig noch einmal konsumiert hätte. Aber das macht weiter nichts, denn in der Erdmöbelversion vergisst man jede Hochachtung vor dem eigenen mühsam geprägten Musikgeschmack und fängt plötzlich sogar an, zu Kylie Minogues „Cant’t Get You Out Of My Head“ („Aus meinem Kopf“) zu zappeln. Sogar das unsägliche „Up And Down“ („Auf und ab“) der Vengaboys wird entgegen aller Regeln des guten Geschmacks nicht gleich in den Orkus geschickt. Schließlich geht es hier nicht darum, was gefällt. Es geht um die Nummer eins - und die kommt bekanntlich nicht selten durch unerklärliche kollektive Geschmacksverirrungen an die Spitze der Charts. Kann also eigentlich keiner was dafür. So darf man Erdmöbel also mit der Chronistenpflicht entschuldigen, wenn sie derart beknackte Titel wieder ausgraben. Doch zum Anfang: Der trägt den durchgeknallten Titel „Was geht, Muschikatz?“ (Tom Jones: „What's New, Pussycat?“) und beschäftigt sich inhaltlich genauso ausschließlich mit der gepuderten Muschikatznase wie das Original.

Frevel oder Revolte: „Riecht wie Teen Spirit“

Was folgt, ist Verblüffung: Nirvanas „Smells Like Teen Spirit“ („Riecht wie Teen Spirit“) - nur dass man das erst mal gar nicht merkt. Weg ist die Depression und da sind plötzlich jede Menge Bläser, die Curt Cobains dramatisches Gitarren-Riff ersetzen. Frevel? Egal. Produzent und Bassist Ekimas ist bei solchen musikalischen Revolten in seinem Element.
Erdmöbel haben bei den Covers nicht nur ordentlich an der Instrumentierung gebastelt, sondern durch die Übersetzung der englischen Texte ins Deutsche den Weg zu einer neuen Poesie gefunden. Bestens aufgehoben sind die Nummer-Eins-Wunder im spröde kantigen Deutsch, das weit entfernt ist vom erwarteten Popmusik-Nonsense. Gefundenes Fressen für Sprachkünstler Berges, der immer auf der Suche nach dem Wunder des Worts ist. Und so kann das lang verdrängte „One Of Us“ von Joan Osborne in der Erdmöbelvariante „Einer wie wir“ zum Lieblingslied werden: „Wäre Gott einer wie wir, eingeschlafen mit ’nem Bier, nur ein Fremder um halbvier in der letzten Straßenbahn, der versucht nach Hause zu fahren.“
Von Ironie keine Spur, und das ist so gewollt. Denn zum Glück ist das Erdmöbel-Coveralbum keine alberne Ansammlung von Lieblingsliedern, von denen man sich in der eigenen Version krampfhaft distanzieren will. Es wird akzeptiert, dass die Songs im eigenen Musikgedächtnis längst ihren Platz haben und unverrückbar mit Erinnerungen verknüpft sind. Und nur deshalb ist es Erdmöbel gelungen, aus den abgegriffenen Hits die Essenz herauszuholen und sie zu neuen Nummer-eins-Hits zu machen.
   Gudrun Bergmann