Neue Alben von Marilyn Manson, Rufus Wainwright - und eine Überraschung der Kölner Band Erdmöbel
Grimmig, girlandig, griffig
 
Von Jan Ulrich Welke
 
The Golden Age of Grotesque: so könnte man nicht nur unsere Zeitläufte beschreiben, so hieß auch ein Stück auf dem letzten, ebenso betitelten Album des unoriginellerweise als "Schockrocker" titulierten amerikanischen Sängers Marilyn Manson. Songs mit einem solchen Namen oder der Liedtitel "Doll-Dagga Buzz-Buzz Ziggety-Zag" gaben die Richtung vor: Es war ein dynamisches, originelles, abwechslungsreiches und in seiner Handschrift unverkennbares Rockalbum.

Geblieben ist Manson davon auf seinem neuen Album nur die Unverkennbarkeit. Die elf Stücke haben noch immer einen typisch grimmigen Marilyn-Manson-Sound, sind allerdings in Harmonie, Metrum und Rhythmik unerfrischend gleichförmig geraten, einer bis auf zwei Ausnahmen ewig gleichen Songrezeptur folgend. Recht annehmbar ist das, aber von einem Künstler dieses Kalibers erwartet und verspricht man sich mehr. Die schäbige Ballermann-Eurodiscoversion der Single "Heart shaped Glass" schließlich, die als Bonustrack auf dem Album ist, ist unterirdisch peinlich.

Recht grotesk mutet es für einen jungen Songwriter wie Rufus Wainwright an, sich auf seinem Albumbooklet in Trachtenlederhosen und mit seiner Mutti fotografieren zu lassen und das Ganze mit Gartenzwergen zu verzieren. Aber sinnfällig ist"s vielleicht für die versponnenen Traumwelten, in die er sich auf seinem neuen Album wieder flüchtet. Wie bei seinem jungen Kollegen Patrick Wolf gibt es auch hier, wenngleich es ein reinrassiges Popalbum ist, kaum einmal eine E-Gitarre oder Keyboards zu hören. Manchmal breite, oft aber zärtliche Streichergirlanden und Bläserarrangements dominieren vielmehr, auch wenn die fragile Intimität der bisherigen Alben ein wenig der klanglichen Opulenz geopfert wurde. Feiner Kammerpop aber bleibt dies trotzdem.

Grotesk könnte zunächst einmal auch der Ansatz anmuten, aus allerlei Nummer-eins-Charthits der vergangenen vierzig Jahre ein paar Popjazznummern zu fabrizieren. Doch das, was bei dem Kölner Quartett Erdmöbel herausgekommen ist, hat nichts mit langweiliger Barbegleitmusik zu tun, sondern klingt eigenständig und erfrischend gut. Von Tom Jones" "What"s new, Pussycat" aus dem Jahr 1965 über "A whiter Shade of Pale" von Procol Harum, Nirvanas "Smells like Teen Spirit" bis hin zu Kylie Minogues 2001 an der Spitze der Charts platziertem "Can"t get you out of my Head" reicht die Spanne, alle Songs haben diese exzellenten Musiker zu griffigen, federleicht swingenden Nummern entschlackt, blendend instrumentiert - und sie mit einem deutschen Text versehen. Das Ganze klingt dadurch oft so brüllend komisch, dass man sofort nachempfinden kann, warum viele deutsche Bands lieber nicht in ihrer Heimatsprache singen wollen. In seiner entwaffnend-dekonstruktivistischen Art ist dies aber bisher gewiss eines der spaßigsten Alben des Jahres.

Marilyn Manson: Eat me, drink me. Interscope/Universal 0602517365230; Rufus Wainwright: Release the Stars. Geffen/Universal 602517301610; Erdmöbel: No. 1 Hits. Sony-BMG 88697057152