Der war über mich

Covern heißt: zärtlich zudecken. Das großartige Album "No.1 Hits" von "Erdmöbel"

Keine Frage, Coverversionen sind en vogue: Scarlett Johannson singt Tom Waits, Placebo macht ein reines Coveralbum, Bryan Ferry versucht sich an Bob Dylan - die aktuelle Covermanie zeigt nur einmal mehr, dass der Pop sich längst in seiner eigenen Musealisierung eingerichtet hat. Es gibt Bands und Musikrichtungen, die von nichts anderem mehr leben. Nouvelle Vague interpretiert New Wave-Songs im Bossa Nova-Stil und Lounge-Pop ist ein Synonym für Remix. Jetzt also Erdmöbel. Mit lauter Nummer-Eins-Hits aus fünfzig Jahren Popgeschichte ...

Das Kölner Quartett hat schon mehrere Coverversionen gemacht, als erstes Burt Bacharachs "Close To You", eine Auftragsarbeit für einen deutschsprachigen Quotenrocksampler. Als sie aber merkten, dass die anderen Bands ausnahmslos mit ironischer Geste - Da hört Ihr mal, was die Amis für Quatsch singen ... - an die Originale rangegangen waren, zogen sie ihn zurück, um ihn auf ihrem letzten Album "Für die nicht wissen wie" zu veröffentlichen.

Schon dieses Album "Für Die Nicht Wissen Wie" ist für die, die nicht wissen, wie Erdmöbel klingen, ein Muss. Für alle anderen auch. Sollte noch jemand glauben, deutsch sei zu rechteckig für Popsongs, mit all den harten Konsonanten klängen deutsche Texte immer wie phonetische Auffahrunfälle, dann höre er Markus Berges' Lieder.

Der Begriff Liedermacher wurde leider diskriminiert von diesigen Politpoeten wie Georg Danzer. Aber genau das ist Berges: Ein Lieder-Macher. Er spricht selber von Wörtern mit "Wallungswert", sammelt einzelne Zeilen und arbeitet akribisch an den Texten. Den Songs merkt man das aber nie an, die drehen sich leicht wie Pop nur sein kann um die eigene Mitte, man wundert sich nur oft, wie sich Sprache derart schliff und schlank an Musik anschmiegen kann.

Rolf Dieter Brinkmann, der andere große Kölner Dichter, fragte mal: "Warum werden nicht Gedichte über Schuhsohlen oder Unterhosen geschrieben? Wenn Sie sich in dem Augenblick, da Sie das hören, in dem Zimmer umblicken, in dem Sie sitzen, was erblicken Sie? Eine Tischdecke vielleicht, ein paar Krümel auf der Armlehne des Sessels. Seltsame fremde Eindrücke, als wäre das gewöhnliche Dasein noch nie vorhanden gewesen." Berges' Texte bergen außer Schuhen und Unterröcken noch viel sperrigere Alltagsgegenstände. Anders aber als in Brinkmanns Spätwerk ergeben diese kein trostlos disparates Abbild der Gegenwart, sondern tatsächlich die von ihm erhoffte so sanfte wie seltsame Wahrnehmungsverschiebung - als wäre das Erzählte noch nie vorhanden gewesen. In dem Liebeslied "Am Arsch, Welt, kannst du mich kaputtschlagen" bringt Berges die klanglich grobsperrigen und semantisch kargen Wörter Warnblinkanlagen, Windkraftwerke und Hauptsponsoren nicht nur unter, sondern so zum Schweben, dass eine schöne Frau auf einem Konzert neulich sagte: "Die Frau, der so ein Lied gewidmet wird, ..." Das mit dem Glück sagte sie nicht mehr dazu, denn sie hörte ihm schon wieder zu, wie er sang: "Was ich an deinem Nachthemd schätze / sind die orangenen Tennisplätze / im Wald den Wendehammer für die Feuerwehr / das Binnenmeer."

"Nirvana" die Hörner aufgesetzt

Jetzt also Cover-Versionen. Ist es Zufall? "Close To You", der Titel ihres ersten gecoverten Hits von vor zwei Jahren, umreißt wie eine Überschrift das poetologische Ideal des neuen Albums: Berges bleibt in seinen Neudichtungen möglichst nah am Original, nimmt es also ernst - um dann aber doch eine völlig eigenständige Version daraus zu machen. So erfüllt er die beiden Bedingungen einer guten Coverversion: Man muss den Song neu interpretieren, ihm etwas dazugeben, etwas aus ihm rausholen, das vorher verborgen blieb. Und man muss das Lied lieben oder sich zumindest daran abarbeiten, als sei es eigenes Material.

Die Liebe merkt man schon an der merkwürdigen Auswahl: Bee Gees, Kraftwerk, Kylie Minogue, Venga Boys, Joan Osborne, Gilbert O'Sullivan: Weltweite Nummer Eins-Hits stehen hier neben Nummern, die es mal kurz in Schweden oder Kanada auf Platz 1 gebracht haben. Es geht ihnen also nicht darum, die Kracher der Popgeschichte neu zu interpretieren. Aus Tausenden Nummer Eins-Hits haben sie die ausgewählt, mit denen sie selbst am meisten verbinden - oder an denen sie sich am besten reiben konnten. In den Arrangements des Bassisten Ekki Maas werden die Lieder teils derart gegen den Strich gebürstet, dass man sie zum ersten Mal zu hören glaubt. So wird in "Smells Like Teen Spirit" die Aufwärtsquarte der Gitarre, eines der berühmtesten Signale der Musikgeschichte, von einigen Hörnern gespielt, als würden diese behäbig zum Halali geblasen. Die depressive Aggressivität des Originals ist in Berges' Gesang noch zu hören, aber es fehlt Cobains mörderisches Selbstmitleid. Und wenn man Berges im letzten Song singen hört: "ich machte nen scherz und alle menschen weinten. und ich merkte nicht: der war über mich", erkennt man staunend, dass die Bee Gees ja gar nicht zwangsweise schäbig kommerzielle Lügen gesungen haben.

Pop ist die Musik, die sich erdreistet, ungebrochen große Gefühle zu behaupten. Die meisten missverstehen das, weil sie glauben, große Gefühle müsse man durch noch größere Wörter ausdrücken, Liebe , Himmel, Ewigkeit. Durch keinen einzigen Berges-Song zieht eine dieser großen Begriffswolken. Selbst in den Coverversionen zeigt er auf die großen, fernen Begriffe nur, indem er winzige Szenen skizziert. In ihrem Sakropop-Song "One Of Us" (der 1996 in Schweden Nummer eins war) stellt Joan Osborne die Frage: "What if God was one of us? Just a slob like one of us? Just a stranger on the bus?" Im Original bleibt diese Vermenschlichung, da sie nicht weiter ausgemalt wird, rhetorische Frage - der Fremde im Bus, das ist leere Metapher. Bei Berges dagegen wird Gott tatsächlich zu groteskem, schwachem Fleisch und Blut, "einer wie wir: eingeschlafen mit nem bier, nur ein fremder um halb vier in der letzten straßenbahn". Nicht nur der Teufel, auch Gott sitzt im Detail.

Alex Rühle