taz
zwischen den rillen

Riecht wie der große Erfolg

Erdmöbel bearbeiten "No. 1 Hits" aus fünf Jahrzehnten und fahnden dabei vor allem sehnsüchtig nach der guten Seite des Pop

Der Nummer-1-Hit ist oder war zumindest ein Ausdruck dafür, dass man eine Musik geschaffen hat, die zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte von einer Mehrheit eines bestimmten Kultur- und Konsumkreises favorisiert wird. Der Nummer-1-Hit feiert den Kapitalismus und die Demokratie. Er muss deshalb nicht schlecht sein. Im seltenen Fall kommt es vor, dass höchste Qualität und breitester Massengeschmack zusammenfallen.
Bei Erdmöbel aus Köln verhält es sich so, dass sie Kritikerlieblinge sind - und populäre Musik machen wollen. Sie sind aber nicht populär. Jedenfalls nicht wirklich. Um es mit Sänger und Lyriker Markus Berges zu sagen: "Wir haben die Nr.-1-Hits. Sie sind nur nicht Nr.-1-Hits geworden."
Es dauerte bis letzte Weihnachten, ehe die Mitte der 90er in Münster gegründete Band erstmals (ganz hinten) tatsächlich chartete. Mit neuem Vertrag bei einem Major und einer schönen Coverversion von Whams "Last Christmas".
Ist das soeben erschienene Album "No. 1 Hits" mit zwölf Coverversionen von Hitparaden-Anführern aus fünf Jahrzehnten nun der Versuch, noch deutlicher trittbrettzufahren, eine Hommage, Verliererzynismus oder markiert es eine ehrenwerte Kapitulation? Im Sinne von: Okay, wir haben es mit unseren "Hits" nicht geschafft, im Gegensatz zu Kylie Minogue, Robbie Williams und Procol Harum, also spielen wir ihre Hits und wedeln dergestalt mit der weißen Flagge.
Die Antwort lautet: Nein. "Aufgeben war nie unser Gedanke", sagt Berges. Die Charts seien für ihn ein "künstlerisches" Ziel. Es gebe eine Sehnsucht nach Songs, die allen etwas böten - nach der guten Seite des Pop.
Wer nun glaubt, es handele sich um wohlfeile, ironische Distinktion, liegt auch falsch. Erdmöbel arbeiten permanent an der Weiterentwicklung ihrer eigenen Songs, die Unzufriedenheit mit dem künstlerisch Geschaffenen ist ihr Motor, nicht die mit den politischen und musikalischen Verhältnissen. Oder ihren Plattenverkäufen. Und nun arbeiten sie eben daran, sich Fremdmaterial "anzuverwandeln", wie Berges das gern nennt. Keine Lieblingssongs, sondern Herausforderungen. Nicht Hadern mit dem Unmöglichen, sondern ausprobieren, was mit dem geht, was da ist. Den Song ernst nehmen, nah am Original sein und doch etwas Neues schaffen.
Das Ergebnis zeigt erneut: Berges ist ein großer zeitgenössischer Lyriker, Bassist Ekimas ein musikalischer Direktor mit Händchen für feine Pop-Arrangements. Selbstverständlich hat jeder Lieblings- und Hasssongs auf "No. 1 Hits". Die einen, Berges und Ekimas etwa, lieben "Auf und ab" ("Up And Down" von Vengaboys). Professionelle Kritiker schwärmen von der Meisterleistung, Nirvanas "Riecht wie Teen Spirit" nicht nur textlich, sondern auch ohne Leadgitarre funktionieren zu lassen.
Langsam wird klar: Erdmöbel sind längst da, wo andere Bands sich gerade hinbewegen. Neben der Leadgitarre haben sie vor Jahren auch die Botschaften abgeschafft, vom larmoyanten Absenden eigener Befindlichkeiten nicht zu reden. Alles entsteht im Kopf des Empfängers. Es gibt Stellen, Sätze, Fetzen, die einen plötzlich an der Ampel brutal erwischen. Die besten Songs sind die als Leichtgewichte verachteten. Gilbert O'Sullivans "Alone Again, Naturally" oder "I Started A Joke" der Bee Gees. Spiritualität, Metaphysik, die Grenzen des Endlichen, man kann das Straßenschild namens Sentimentalität mit bloßen Augen lesen - und biegt doch noch ab. So sind diese Momente mit Erdmöbel schwer und bleiben doch leicht. Das ist kein Zufall. Das ist das Prinzip.
"No. 1 Hits" ist nicht zu vergleichen mit dem großen Vorgängeralbum "Für die nicht wissen wie". Es steht daneben. Aber nicht still und brav. Es schreit: Hört mich. Die Kritiker sind trotzdem aus dem Häuschen. Die Welt ist generell aus den Fugen. Es kann also sein, dass dieses Album richtig populär wird. PETER UNFRIED

taz vom 1.6.2007, S. 16, 133 Z. (Kommentar), PETER UNFRIED