Wörter kommen nicht einfach

Über Sex kann man nicht nur auf Englisch singen: Die Kölner Band Erdmöbel hat zwölf internationale "No.1 Hits" wörtlich ins Deutsche übersetzt.
FAZ-Feuilletonchef Patrick Bahners erklärt, warum.

Das härteste Naturgesetz des Popuniversums lautet: Es gibt keinen bombensicheren Hit. Die vier Herren vorgerückten Alters, die gemeinsam Erdmöbel sind, haben jetzt den Code geknackt. Die Kölner können sich ihr Bombenpaket selbst basteln. Auf ihrer neuen Platte steht tatsächlich "No. 1 Hits", und tatsächlich sind zwölf davon drin. Jedes Lied hat irgendwo auf der Welt irgendwann einmal wenigstens eine Woche lang an der Spitze der Charts gestanden: "What's New Pussycat?" von Tom Jones 1965 in Finnland, "The Road To Mandalay" von Robbie Williams 2001 in England und "Smells Like Teen Spirit" von Nirvana 1991 in so gut wie jedem Mitgliedsland der Vereinten Nationen.
Am Anfang des Projekts stand ein gespielter Witz. Ekimas, der Bassist, Produzent und Stratege der Band, trat eines Tages im Karneval in den Kreis seiner Kollegen mit der Frage: "Was geht, Muschikatz?" Er zeigte, dass man einen zu Tode gespielten Schlager zum Leben erwecken kann - durch die denkbar fantasieloseste Kulturtechnik, die wörtliche Übersetzung. Dem Titelwortspiel zum Trotz ist die Wirkung nicht parodistisch. Die Verdeutschung erzeugt keine Distanz, sondern die unwiderstehliche Direktheit einer Überdosis Aftershave, jenen Tom-Jones-Effekt, der in tausendundeiner Nacht aus Las vegas verflogen ist: Der Draufgänger wirft das Tigerfell ab.
Ließ sich der Coup wiederholen? Es kam auf den Versuch an. Und so begann, ohne jeden Zuschuss der deutschen Forschungsgemeinschaft, ein popkulturelles Marathonexperiment. Die Folianten der Musikhistorie wurden gewälzt und circa 1200 Titel in Erwägung gezogen. Nicht selten geschah es, dass einer einen Kracher ins Spiel brachte, eine unvergessliche Nummer eins - und dass die Erinnerung trog, dass der unschlagbare Kandidat über den zweiten Platz nie hinausgekommen war. Schwierig war die Auswahl bei den 80er-Jahren. Die Platte sollte nicht klingen wie WDR 2, aber der nachträgliche Boykott eines ganzen Jahrzehnts wäre kindisch gewesen. So entschied man sich für die englische Nummer eins einer schon 1981 aus der Zeit gefallenen deutschen Band, "Das Model" von Kraftwerk.
Diesen Titel haben Erdmöbel ohne allen elektronischen Apparat aufgenommen. Zur Nachahmung der Machinenmenschen genügen natürliche Mittel: ein Triumph der einfühlsamen Selbstauslöschung. In gleicher Weise behandeln sie "Up And Down" von den Vengaboys (USA, 1999), das Mottolied der Nullen-und-Einsen-Ideologie des Techno-Zeitalters. Als klassische Musik, wie sie sagen, absolut werkgetreu. Barockmusikanten sollten bei ihnen Nachhilfestunden nehmen: Sie emanzipieren die historische Aufführungspraxis vom Fetisch des Originalinstruments.
Die vier von Erdmöbel sind Tüftler. Sie machen alles selbst in ihrem Kellerstudio am Eigelstein unter dem albanischen Kulturinstitut. Erdmöbel, das ist ein Kleinstaat auf der Karte der deutschen Musiklandschaft: stolz, nie einer Allianz beigetreten zu sein. Im Sommer 2006 traten sie in Berlin im "Maria am Ostbahnhof" auf und waren enttäuscht, dass der Club fast leer war. Am nächsten Tag rief der Scout der großen Plattenfirma an und versprach ihnen ihren Vertrag. Es gibt die kleine Erdmöbel-Gemeinde, und es ist ihnen auch schon Ausverkauf vorgeworfen worden, weil sie jetzt Kylie Minogue covern ("Can't Get You Out Of My Head", weltweit, 2001). Aber sie richten sich nicht an Kenner und sprechen nur sarkastisch vom Indierock. Sie machen Populärmusik, also wollen sie populär sein.
Schon auf ihrem vorletzten Album "Für die nicht wissen wie" erwiesen sie sich als Virtuosen der Geläufigkeit. Insofern ähnelt ihre Entwicklung der von Blumfeld, nur ist ihre Hinwendung zum Schlager keine kommentarbedürftige dialektische Geste, sondern ergibt sich begründungszwanglos aus der fortschreitenden Beherrschung des Handwerks. Für Genies wie Henry Mancini und Burt Bacharach ist im Apartheidsystem unserer Geschmacksdiktatur das Easy-Listening-Regal reserviert. Was allen E-Musikern mit Loriots Kunstpfeifer ein Greuel ist, das ist das Ideal von Erdmöbel: Ihre Lieder gehen wirklich so leicht ins Ohr wie Peter Alexander. Nur nicht so leicht wieder raus.
In den Jahren als Tom Jones auf Muschikatzenjagd ging, sammelte der Dichter Peter Rühmkorf tolldreiste Gassenhauer als Belege für die Produktivität des Volksvermögens. Die Hit-Kollektion von Erdmöbel setzt dem Erkenntnisvermögen des Volks nun ein Denkmal. Die Band will den Beweis führen, dass Musik, die einen historischen Moment lang ein großes Publikum quer zu den Richtungen und Milieus fasziniert, dauerhafte Qualität hat - nicht bei jedem einzelnen Hit, aber in einer erheblichen Anzahl von Fällen. Gewöhnliche Coveralben versammeln die Lieblingslieder der Bandmitglieder. Sie treiben die Subjektivität der Popwelt auf die Spitze: Auch die Musiker geben sich als Fans zu erkennen. Erdmöbel gehen genau umgekehrt vor. Sie machen sich zum Organ wechselnder Zeit- und Volksgeister, um die Objektivität gelungener Werke hervortreten zu lassen.
Die Bearbeitung soll keine Erdmöbelversion für Komplettsammler liefern, sondern die Essenz der Stücke herauspräparieren. So haben sie bei Kurt Cobains Teenagergeisterbeschwörung die Gitarren fortgelassen, um die Melodie hörbar zu machen - und den Text. Wie bei aller schöpferischen Philologie erfolgt die Rettung des Originals auf Kosten der Wirkungsgeschichte. Dass Cobain sich umgebracht hat, ist zwar, wie Ekimas sagt, "nicht toll", aber für den tollen Schlager nicht weiter von Belang.
Die Übersetzungen stammen, wie alle Erdmöbel-Texte, von Markus Berges, dem Sänger. Die Wörtlichkeit seiner Übertragungen ist kunstvoll erzeugter Schein. Im Original steht an manchen Stellen das genaue Gegenteil. Der Unglücksmensch Cobain verleugnet seine Künstlerrolle und schlüpft jämmerlicherweise in die Haut der Fans, die von ihrem Idol angeblich nicht genug bekommen können: "Here we are now, entertain us!" Das Glück, von dem Erdmöbel singen, liegt in der Wahrung der Form: "Wir wollen euch nur unterhalten." Hitfabrikanten alter Machart.