22. Mai 2007, 09:24 Uhr
Von Michael Pilz
Erdmöbel

Was geht denn so ab, Muschikatz?

Das Kölner Quartett übersetzt ein Dutzend Welthits auf interessante Weise ins Deutsche. Die Erdmöbel machen weder vor Tom Jones „What’s New Pussycat" Halt, noch vor der Nirvana-Rockhymne "Smells Like Teen Spirit". Mit ihrem neuen Album "No. 1 Hits" beweisen sie: Pop gehört dem Volk.

Die Kölner Band Erdmöbel: Gnadenlos übersetzen sie jede Menge Hits vom Englischen ins Deutsche...
Die DDR hätte auch gern ihr eigenes Deutsch gesprochen. Sie bezeichnete den Sarg als „Erdmöbel“. Die Menschen aber, die das Land bewohnen mussten, sagten: Sarg. Nicht um die staatliche Bevormundung zu brechen, sondern einfach aus Gewohnheit und gebotenem Ernst. Ein Sarg, sogar der sozialistische, war immer noch ein Sarg. Man legte tote Angehörige hinein. Man dachte nicht daran, das Erdreich zu möblieren.
Dass eine in Köln wirkende Popband seit zwölf Jahren mit dem Namen Erdmöbel auftritt, war ursprünglich wohl der grassierenden Neunziger-Jahre-Ironie geschuldet. Nun erinnern Erdmöbel mit ihrem Namen und dem Album „No. 1 Hits“ an noch frühere Versuche, Welthits einzudeutschen. „What’s New Pussycat“, im Original gesungen von Tom Jones und auf Platz eins ins Finnland 1965, geht nun so: „Was geht, Muschikatz? Muschikatz, Muschikatz, ausschließlich dich mag ich“.

Auftritt mit Anzug und wuchtiger Brille

Gesungen und gespielt klingt diese Übersetzung allerdings nicht ansatzweise so beknackt wie sie sich liest. Zum einen, weil die englischsprachige Lyrik von Hal David heute kaum subtiler wirkt. Vor allem aber, weil sich die Musik von Erdmöbel sowohl den Sechzigern als auch Burt Bacharach, dem Komponisten, tief verbunden fühlt. Nicht nur in diesem Stück. Noch „Riecht wie Teen Spirit“, die deutsche Fassung der Nirvana-Rockhymne von 1991 (weltweit Nr. 1) wird hier durchweht von zarten Bläsern und dem sommerlichen Schwirren der Elektroorgel.
Man muss Markus Berges dabei singen und Gitarre spielen sehen. Berges trägt zur hohen Stirn grundsätzlich Anzüge und wuchtige Brillen wie der unbestechliche Beamte einer früheren Bundesrepublik. Als wäre die Kapelle nur ein kauziges Hobby. Berges hat das Repertoire der Band im Wesentlichen zu verantworten. So zauberhafte Stücke wie „Lied über gar nichts“ und „Für die nicht wissen wie“, sechs Alben und zu Weihnachten 2006 die Nachdichtung des Nr.-1-Adventsgesangs „Last Christmas“: „Weihnachten ist mir doch egal“. George Michael durfte sich von Erdmöbel zutiefst verstanden fühlen.

Musikschatz, Modell und Technowitz

In die Irre führen einen eher absurd klingende Transkriptionen. Neben „Was geht, Muschikatz?“ belustigt vordergründig „Auf und ab“, ein Technowitz der Vengaboys von 1999. Wie auch „Das Modell“ nach Kraftwerk, dessen Text vollkommen unverändert vorgetragen und von tantiger Tanzmusik begleitet wird. Aber das führt einen nicht in die brüllende Ironie der Neunziger zurück, sondern hinein in eine aktuelle Post-Pop-Schwermut.
„Lasst uns das Wort Pop mal ernst nehmen“, sagt Markus Berges. Schon die Zärtlichkeit des Schlagzeugs schützt die Stücke vor dem üblichen Gelächter. Wortwörtliche Übersetzungen entlarven weniger das Original, als dass sie eine rührende Erhabenheit erzeugen. Wenn Joan Osbornes „One of Us“ nun mitteilt, „Gott ist groß, Gott ist gut“, oder wenn Erdmöbel sogar Kylie Minogue beim Wort nehmen: „Ich krieg es nicht aus meinem Kopf, Süße, alles, an was ich denke, ist" lalala.“
 So war es in den Sechzigerjahren Brauch, als Pop in Deutschland noch als so frivol galt, dass sich das Gesungene nicht von selbst verstehen konnte. Englisch galt als Fremdsprache. Ein Text sollte Bedeutung transportieren. Aber so ein Zeitgeist hat auch immergrüne Kuriositäten hinterlassen. Dass die Beach Boys „In My Room“ als „Ganz allein“ zum Besten gaben und Brian Wilson beim Wort „seufzen“ fast erstickte. Dass die Beatles von der Liebe und vom Händchenhalten sangen, und dass Karel Gott es übernahm, die finsteren Botschaften der Rolling Stones den Deutschen halbwegs zu erklären.
Damals, 1968, landeten die Bee Gees mit „I Started A Joke“ in Kanada und in Neuseeland auf dem ersten Platz der Hitparade. Markus Berges singt: „Ich machte nen Scherz, und alle Menschen weinten. Da weinte ich mit, und alle Menschen lachten.“ Man kann nichts erzwingen. Pop ist keine Propaganda. Pop gehört dem Volk. Zu solchen Weisheiten sollte sich geradezu verpflichtet fühlen, wer sich das Wort „Erdmöbel“ in aller Munde wünscht. Wie heute eine kleine Band aus Köln.
Erdmöbel: No. 1 Hits (Columbia/Sony BMG), 14,99 Euro