Montag, 04. Oktober 2010

Vollblutmäßig Erdmöbel - "Wir waren noch nie im Hygienemuseum"

Markus Berges schreibt wunderschöne Songs - etwa über den Niederrhein und über eine Ausstellung im Hygienemuseum in Dresden. Doch er war noch nie dort. "Manchmal ist es schlecht, Dinge erlebt zu haben, von denen man schreiben oder singen will", sagt Berges. "Für uns ist das ganz normal", sagt Bassist Ekki Maas. Die Band heißt Erdmöbel. Kürzlich erschien ihr achtes Album: "Krokus".

n-tv.de: In einer Rundmail habt ihr geschrieben, ihr seid vor dem Record-Release-Konzert in Berlin "verängstigt" gewesen. War das Pose oder Understatement?

Ekki Maas: Das Konzert war dieses Mal so auf den Punkt geplant, dass es an dem Tag sehr darauf ankam, dass wir gut waren. Und das hat uns doch sehr zugesetzt. Zumal wir auch immer Respekt vor Berlin haben.

Warum?

Ekki Maas: Die Leute da haben ein kulturelles Angebot, das sich gewaschen hat, die sind nicht sehr genügsam.

Markus Berges: Köln ist natürlich auch nicht genügsam! Aber Berlin ist für uns halt eine fremde Stadt. Das Besondere an diesem Konzert war: Wir haben unser komplettes neues Album an dem Tag gespielt, an dem es erschien. Ein großes Vergnügen - das weiß jeder, so geht's uns ja auch - ist bei einem Konzert, wenn die Lieblingslieder gespielt werden. Das ging jetzt nicht. Es war wie früher, als wir noch keine Platten gemacht haben. Das war aufregend.

Ihr seid so Mitte 40 und habt neben der Band noch andere Beschäftigungen …

Ekki Maas: … das bleibt nicht aus, es ist sehr schwer in Deutschland, mit Musik Geld zu verdienen. Wir haben mittlerweile alle Familien, da müssen Belege auf den Tisch (lacht). Aber wir sind alle vier vollblutmäßig Erdmöbel. So empfinden wir das. Da kommt's eigentlich drauf an, würde ich sagen.

Aber hat man da überhaupt noch die Zeit und die Kraft, Popstar zu sein?

Ekki Maas: Na, das müssen wir ja nicht sein, wir müssen Musik machen, das ist schon Arbeit genug. Popstar müssen wir nicht sein. Da muss man ja in der "Gala" fotografiert werden und so was - das ist nicht unser Job.

Markus Berges: Aber es ist eine Entscheidung, Künstler sein zu wollen, die haben wir alle für uns getroffen, und das bringt natürlich ein paar Konsequenzen mit sich. Es ist manchmal anstrengend, aber ich glaube, das steht für niemanden von uns zur Debatte.

Ihr beide habt in einem Interview mal unterschiedliche Auffassungen darüber geäußert, ob ihr eine politische oder eine unpolitische Band seid. Habt ihr das mittlerweile geklärt?

Ekki Maas: Das mit der Politik ist schwierig. Man kann ja gar nicht unpolitisch sein. Was wir uns verkneifen ist, Parolen zu singen. Wir verkünden keine Direktiven. Aber wir drücken schon, zum Beispiel in einem Song wie "Fremdes", unseren Unmut über politische Verhältnisse aus. Es geht uns eher darum, diese Art von Gefühl auszudrücken als zu sagen, wählt bitte die oder die Partei, oder wählt keine Partei, seid Anarchisten - so etwas sagen wir nicht.

Markus Berges: Es gibt ja Künstler, die bewusst politisch sind, und das kann von sehr unterschiedlicher Qualität sein. Häufig ist das nur zufällig gut. Wir haben nicht die Entscheidung getroffen, eine politische Band zu sein. Aber wir sind eine lebendige Band, und insofern sind wir auch politisch. Unser Bezug ist die Welt.

Ekki Maas: Das kann man politisch nennen, wenn man unbedingt will. Aber vielleicht hat man dann nicht mehr so einen Spaß an uns.

Viele eurer Songs haben einen ostdeutschen Bezug - ihr kommt aber alle aus Münster und Umgebung und ihr lebt alle seit Jahren in Köln. Woher kommt der Bezug zu Ostdeutschland?

Ekki Maas: Es kommt nicht von mir, es kommt von Markus, aber ich denke, es ist eine romantische Vorstellung von etwas Fremdem, von einer anderen Welt. Du denkst jetzt an das Hygienemuseum Dresden in "Ausstellung über das Glück" ...

… nicht nur.

Diese Vorstellung, dass es in Dresden ein Museum gibt, das sich der Hygiene widmet - das ist superschräg für uns, das hatten wir nie gehört, das löst eine Menge bei uns aus.

Markus Berges: Eher so auf einer Traum-Ebene. In meinem Roman …

… "Ein langer Brief an September Nowak" …

… da kommt Müllrose vor, ein Ort im Osten, an dem wir dann später auf dem Weg nach Eisenhüttenstadt zufällig vorbeigekommen sind. Da hatte ich schon die Entscheidung getroffen, diesen Ort im Buch zu verwenden. So verschränken sich die Sachen. Bis dahin war ich da nur mit dem Finger auf der Landkarte hingereist. Ich habe mal mit einem Journalisten gesprochen, der Müllrose kannte, aber irgendwie wusste der weniger über Müllrose zu erzählen als ich.

Ekki Maas: Wir freuen uns sehr drauf, jetzt auch in Dresden zu spielen, weil das Publikum da ganz anders drauf ist, die haben eine andere Haltung zur Musik.

Inwiefern?

Ekki Maas: Ich erinnere mich an einen Auftritt in Halle, wo die Leute zugehört haben, als wären sie bei einem klassischen Konzert. Man konnte eine Stecknadel fallen hören. Das war eine ganz andere Art und Weise, mit Popmusik umzugehen. Das war sehr interessant.

Aber im Hygienemuseum warst du schon, Markus, oder?

Markus Berges: Nein, ich war noch nie im Hygienemuseum.

Aber diese Ausstellung!?

Markus Berges: Ich hab davon gelesen (lacht).

Ekki Maas: Du kannst alles durchgehen. Alles Ostdeutsche in unseren Songs ist Phantasie. Ein Traum.

Ein Freund hat mir noch eine Klugscheißer-Frage mitgegeben.

Ekki Maas: Super!

Ich soll euch fragen, ob der Artikel im Katalog zu der Ausstellung "Stadt.Land.Pop" über die Topographie in den Erdmöbel-Songs bei euch eine Art zwanghafte Ortsfixiertheit ausgelöst hat, denn es gibt ja nicht nur die ostdeutschen Bezüge, sondern auch den Niederrhein und so weiter.

Ekki Maas: Orte sind natürlich sehr inspirierend, in Markus' Texten kommen immer wieder Orte vor. Der Niederrhein ist, ehrlich gesagt, auch eine Gegend, wo wir noch nie so richtig stattgefunden haben. Wir sind da noch nie gewesen.

Wie bitte?

Ekki Maas: Wir haben ein paar Freunde, die da wohnen. Das war's. Man stellt sich halt vor, dass man da durch fährt.

Aber diesen Zug gibt es doch.

Markus Berges: Ja, der Niederrhein-Express aus dem Song "Emma", der heißt im wirklichen Leben Niers-Express. Aber die Niers kam schon an einer anderen Stelle auf dem Album vor. Ich war mal in Xanten, das ist schon viele Jahre her, aber ich hab eine Vorstellung, wie es da aussieht. Das ist aber auch alles. Ich muss diese Dinge nicht selbst gemacht haben. Manchmal ist es sogar schlecht, Dinge erlebt zu haben, von denen man schreiben oder singen will.

Ekki Maas: Ich glaube auch, dass man Sachen, die man kennt, gern durch Sachen ersetzt, die so ähnlich sind. Der Niederrhein hat Ähnlichkeit mit Westfalen. Es gibt bloß, glaube ich, keine vernünftige Bahnverbindung zwischen Münster und Gütersloh oder so. Das ist nur ein Bummelzug. Das wäre etwas anderes.

Markus Berges: Ich fand den Niederrhein einfach sehr passend für diesen Song und für die Geschichte, die darin erzählt wird. Der Niederrhein ist sehr grün und sehr weitläufig, die niedersächsischste Landschaft in Nordrhein-Westfalen, würde ich sagen, von Ostwestfalen abgesehen. Das eine gab das andere, auch mit dem Orkan "Emma", den gab es ja wirklich, und plötzlich bin ich in meinem Kopf am Niederrhein. Ich weiß auch nicht, wie das alles zusammenfindet.

Du bist aber schon mal mit dem Niers-Express gefahren.

Markus Berges: Nein, noch nie.

Das gibt's doch nicht (irritiert).

Markus Berges und Ekki Maas: (lachen)

Ekki Maas: Du bist der erste, der uns darauf anspricht, aber ich nehme an, da denken viele Leute so drüber. Für uns ist das ganz normal.

Ich weiß natürlich, dass man Schriftsteller und Dichter nicht mit ihren Texten verwechseln soll. Aber das ist jetzt doch überraschend.

Ekki Maas: Wir wurden neulich mal mit Karl May verglichen. Karl May hat sich den ganzen Wilden Westen im Gefängnis ausgedacht, er ist ja nie da gewesen. Vielleicht ist das eine Geistesverwandtschaft, wer weiß.

Markus Berges: Den einzigen Karl-May-Roman, der in einem Erdmöbel-Song vorkommt, hab ich auch nie gelesen.

Ekki Maas: Welcher war das?

Markus Berges: "Der Weg zum Glück". Das war in dem Song "Für die nicht wissen wie".

Eine Frau bist du auch nicht, aber deine Frauenfiguren finde ich sehr gut gelungen. Vor allem in dem Song "Krokusse", der aus der Perspektive einer "Frau von vierzig Jahren" geschrieben ist. Wie kommt das?

Markus Berges: Das interessiert mich einfach. Und ich habe das Gefühl, dass es auch durch mich selber durchgeht. Es hat mich schon immer gereizt, Frauenfiguren zu schreiben.

Warum?

Markus Berges: Kann ich dir nicht beantworten, weiß ich nicht genau. Ich kenne das selbst als Leser, dass ich erst mal irritiert bin, wenn ich zum Beispiel etwas von einer Autorin lese und die aus der Ich-Perspektive oder der Personal-Perspektive eines Mannes schreibt. Beim Schreiben habe ich das aber nicht. Es ist eine Art, eine andere Perspektive einzunehmen, in der ich trotzdem das Gefühl habe, auch von mir selbst erzählen zu können.

Ekki Maas: Es gibt Männer-Figuren in Erdmöbel-Songs, die sind viel weiter von Markus entfernt als die Frauen-Figuren. Zum Beispiel dieser Mann in "Wette unter Models", der Pfeife rauchend in einer Kneipe sitzt. Da habe ich eher das Gefühl, dass Markus wirklich weit ausholt.

Wo seht ihr euch in zwei, drei Jahren?

Ekki Maas: Wir machen weiter Erdmöbel. Seit 15 Jahren ist dies Band sehr stabil, und wir merken auch, dass ist eine Sache, die einfach weiter geht, egal unter welchen Umständen. Wenn wir jetzt sehr viele Platten verkaufen sollten, dann können wir uns vielleicht für die nächste Platte ein Symphonie-Orchester leisten. Aber sonst wird sich nicht viel ändern.

Markus Berges: Was ich mir sehr wünschen würde wäre, endlich mal mit dem Goethe-Institut irgendwo hinzufahren.

Ekki Maas: (lacht)

Markus Berges: Das Goethe-Institut hat sich noch nie bei uns gemeldet! Das würde uns sehr gut tun, wenn wir nicht nur mit dem Finger auf der Landkarte irgendwo hinreisen müssten. Wir würden zum Beispiel sehr gern mal nach Indien fahren. Das wäre ein schönes Projekt, das würde auch gut zu Erdmöbel passen.

Geht das, mit den Kindern, für ein paar Wochen nach Indien?

Markus Berges: Geht alles, irgendwie.

Ekki Maas: Die Kinder müssen ja auch aushalten, dass wir auf Tournee gehen. Das ist nicht toll, aber es geht halt. Mein großes Kind reist mir jetzt hinterher, zu einem Auftritt in Berlin. Das ist sehr schön. Da freue ich mich schon.

Markus Berges: Wenn es lange genug ist, dann können wir die Kinder auch mitnehmen.

Ekki Maas: Nach Indien?

Markus Berges: Indien ist ein riesiger Spielplatz!

Mit Markus Berges und Ekki Maas sprach Hubertus Volmer

http://www.n-tv.de/leute/Wir-waren-noch-nie-im-Hygienemuseum-article1629866.html