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Erdmöbel-Retrospektive

Die Devise der Missverständnisse

Ein sonniger Tag im September, die vier Musiker von Erdmöbel sind von Köln nach Berlin gekommen, um ihr neues Album zu promoten. Es ist kein Best-Of, sondern eine "Retrospektive", eine Rückschau auf 16 Jahre Bandgeschichte mit 18 wunderbaren Stücken und einem neuen Song. Auch der programmatische Titel "Wort ist das falsche Wort" ist dabei - Sprache ist bei Erdmöbel bewusst uneindeutig. "Es ist Musik", sagt Bassist und Produzent Ekimas, "auch die Texte". Als er dennoch Bereitschaft zeigt, einen Song zu entschlüsseln, stoppt Sänger Markus Berges den Bandkollegen: "Ich verrate so etwas grundsätzlich nicht." Schließlich sei der subjektive Zugang meist der schönste.

n-tv.de: Der Musikproduzent Tim Renner sagt, ein Album sei "ein alter, technischer Standard, keine Kunstform". Künstler sollten dem "nicht nachtrauern, sondern neue Gegebenheiten für sich nutzen". Wie ist das für euch, wie wichtig ist das Album als Konzept?

Wolfgang Proppe: Tim Renner erzählt gerne.

Ekimas: Vor allem tut der immer so, als wäre er ein Heiliger. Meinetwegen kann sich Tim Renner den Mund fusselig reden, deshalb muss das noch lange nicht stimmen. Aber abgesehen davon finde ich, dass ein Album auch weiterhin eine tolle Sache ist. Ein Album ist viel mehr als die Summe der einzelnen Teile. Wenn es nicht mehr funktioniert, muss man etwas anderes machen, das ist klar. Nur: Ein Album, Songs die zusammengehören, das kann man doch weiterhin machen, warum denn nicht?

Weil die Leute nur noch ein oder zwei Songs runterladen?

Ekimas: Dann machen sie das eben, na und? Kann ja jeder machen, was er will. Wir werden weiter Alben machen, weil es einfach toll ist. Wenn man Fan ist, will man eben auch die Stücke hören, die auf einer Single nichts zu suchen hätten. Es gibt Alben von uns, wo ich sagen würde, gerade die Stücke, die auf keinen Fall auf einer Single gelandet wären, sind die interessantesten Sachen.

Markus Berges: Mir geht es als Hörer auch so, dass ich mich für einzelne Songs nicht so interessiere. Ich habe sehr auf das neue Album von Fion Regan gewartet. Da war schon drei Monate vorher ein Song ausgekoppelt, den habe ich mir gar nicht angehört. Ich wollte das ganze Album hören. Vielleicht ist das konservativ, keine Ahnung.

Ekimas: Ist doch völlig egal. Was Tim Renner da sagt, ist die Ansicht eines Geschäftsmanns, und ich finde, Geschäft und Musik sollte man nicht zu sehr durcheinander bringen.

Wolfgang Proppe: Unser "Retrospektive"-Album ist ja im Grunde ein Vorschlag. Man kann sich natürlich auch ein paar Songs bei iTunes runterladen und sich selbst eine Erdmöbel-Retrospektive zusammenstellen, aber wir sagen: Das ist die Draufsicht auf das Erdmöbel-Werk, die wir gut finden und die wir mit anderen Leuten teilen wollen. Wie eine Ausstellung.

Ekimas: Man muss auch sagen: Der Übergang von der CD zu MP3 läuft nicht so reibungslos, wie die Geschäftsleute sich das gedacht haben. Noch immer werden ganz starrsinnig viele CDs verkauft. Hätte ich vor ein paar Jahren auch nicht mit gerechnet, dass die Leute so an der CD festhalten.

Markus Berges: Aber es stimmt natürlich, es gibt eigentlich keinen Grund mehr, Alben zu machen. Es gab einen technischen Grund, das Format hat sich vom Vinyl entwickelt - mit der Laufzeit, die man da unterbringen konnte - und mit der CD ein bisschen verändert. Das ist jetzt nicht mehr so, aber es gibt noch keine andere starke Idee. Aber es ist vorstellbar. Es wäre tatsächlich vorstellbar.

Ekimas: Man könnte auf andere große Formen ausweichen, Theaterstücke, Musicals. Hauptsache, man kann die Musik in einen Zusammenhang stellen.

Wär das mal vorstellbar, ein Erdmöbel-Musical?

Wolfgang Proppe: Ja, durchaus.

Ekimas: Wir denken natürlich manchmal an solche Sachen, aber am liebsten würden wir als nächstes ein Album machen. Wenn das dann ein Theaterstück sein soll, von mir aus.

Auf "Retrospektive" sind extrem unterschiedliche Songs, "Wurzelseliger", "Wette unter Models", "Busfahrt", "Die Devise der Sterne" - was hält die zusammen?

Ekimas: Wir haben eigentlich immer versucht, wenn wir eine neue Platte gemacht haben, etwas Neues zu machen. Die Songs sollten immer etwas enthalten, das neu für uns war. Ein ganz wichtiger Teil unserer Produktionsenergie geht genau da rein. Wir haben festgestellt, dass das von außen so verschieden gar nicht wirkt, weil wir dann eben doch ein paar rote Fäden drin haben, unter anderem die Stimme von Markus, unter anderem die Texte. Das sind rote Fäden, die das Ganze verbinden. Wir wundern uns immer, dass es Leute gibt, die verlangen, dass die Sachen auf einem Album exakt zusammen passen müssen. Der Mensch liebt doch die Abwechslung, und wenn man ein Album ganz hören soll, dann müssen die Sachen sich auch deutlich unterscheiden, sonst wird das wirklich öde.

Aber so ein Unterschied wie zwischen dem rockigen "Wurzelseliger" von 1996 und dem elektronischen "Dreierbahn" aus dem Jahr 2000 ist schon enorm.

Ekimas: Trotzdem finde ich nicht, dass die Sachen nicht zusammen passen. Zwischen den beiden Stücken liegen fünf Jahre, Songs wie "Dreierbahn" waren bewusst ein extremer Schritt davon weg, was wir damals waren. Diese "Versus"-Platte von 2000 war der Höhepunkt davon, dass wir uns selbst gezwungen haben, in neuen Strukturen zu denken. Die Platte habe ich quasi ganz allein gemacht, das war komplett elektronisch. "Dreierbahn" gibt es auch in einer Rock-Version, auf der ersten Platte. Wir haben einfach versucht, möglichst weit von der Originalversion wegzukommen.

Der "Retrospektive" sind die Songtexte der sieben Erdmöbel-Alben beigelegt. Wäre es nicht hilfreicher gewesen, ihr hättet Interpretationshilfen mitgegeben?

Ekimas: Wir wollen die Songs nicht interpretieren, das muss jeder selber machen. Interpretieren ist auch nicht das richtige Wort, es ist Musik - auch die Texte. Bei "Krokus" haben es die Leute fast ausnahmslos kapiert, dass es nur darum geht, die Texte zu hören, dass es nicht wichtig ist, den Sinn der Worte zu verstehen. Wenn man es hört, versteht man es doch.

Markus Berges: Wobei wir mit dem Textbuch den Textcharakter noch mal richtig herausgestellt haben. Das ist ja nun wirklich zum Lesen, denn die meisten Songs sind ja auf der CD nicht dabei. Kann man auch Spaß mit haben. Aber ich meine, Interpretationshilfe! Denk mal an Interpretationshilfen in der Schule!

Ekimas: Wie enttäuscht man war, wenn die Interpretation dann feststand! Die Sachen werden doch nicht besser, wenn sie interpretiert werden, schon gar nicht, wenn da einer oben sitzt und sagt, es gibt eine richtige Lösung. Es gibt keine richtige Lösung. Man kann vielleicht noch rauskriegen, was Brecht gemeint hat. Aber was dann beim Konsumenten ankommt, das ist doch individuell sehr verschieden. Und das muss auch möglich sein.

Mir hat das Textbuch schon geholfen. Die ersten Zeilen von "Die Devise der Sterne" hatte ich bislang immer völlig falsch verstanden. Das jetzt zu lesen war ein Gefühl von "Oh nein, ich Idiot!" Wie mit englischen Songs, von denen man glaubt, dass man sie versteht, bis man auf den Text stößt.

Ekimas: Das ist genau der Ansatz. Wir sind mit englischer Popmusik aufgewachsen, wo es ganz wichtig war, dass man Sachen falsch oder nur halb verstand und sich dann einfach seinen Teil dachte. Das muss im Deutschen auch möglich sein. Viele Songwriter haben sich jahrelang angestrengt, genau das zu vermeiden. Bei uns ist es umgekehrt. Wir strengen uns an, dass das wieder möglich wird. Wie hast du die Zeilen denn verstanden?

Wolfgang Proppe: Das Stück fängt an mit "Der Rhein war eine Schrift, die las der Satellit".

Ich habe "las" als Substantiv verstanden, ich dachte, es heißt "Der Rhein war eine Schrift, die Lars der Satellit". Irgendwann habe ich gegoogelt, ob die Lars ein Nebenfluss des Rheins ist.

Wolfgang Proppe: Ah, lustig!

Aber was um Himmels Willen ist eine Dreierbahn? Das würde mich noch interessieren.

Ekimas: Das darf man ruhig sagen, oder?

Markus Berges: Nein.

Darf man nicht sagen?

Markus Berges: Nee!

Aber es gibt eine?

Ekimas: Nee, die ist ausgedacht.

Ich meine, steckt eine Idee dahinter, die das erklären könnte?

Markus Berges: Da steckt eine Idee dahinter, aber ich verrate so etwas grundsätzlich nicht, ich hatte damit so viele enttäuschende Erlebnisse. Der Text ist mehr als die Lösung. Auf der anderen Seite geht es aber auch nicht darum, irgendwie was groß zu verrätseln oder so, sondern es ist einfach meistens so, dass der subjektive Zugang der schönste ist. Gerade mit "Dreierbahn".

Ihr habt einige regionale Bezüge in euren Songs, Köln, Niederrhein, Nordrhein-Westfalen. Warum gibt es noch keinen Berlin-Song?

Christian Wübben: Gibt es doch, "Das Beste von Osten".

Geht es da nicht um den Osten insgesamt?

Ekimas: Nein, das ist Berlin, Berliner Nachtcafé, Toilettenfrau - wie man Berlin noch nie gesehen hat (lacht).

Wolfgang Proppe: Spielt, glaube ich, im Soho Club. Lange, bevor es den gab (lacht).

Markus Berges: Und dann gibt es noch das von mir nicht mehr geliebte "Für die nicht wissen wie", das spielt auch in Berlin, im "Hansablick Hotel Garni". Aber vielleicht könnte man noch was finden.

Wir sitzen hier in einem Café am Helmholtzplatz. Vielleicht etwas über die Latte-Macchiato-Mütter von Prenzlauer Berg oder so.

Ekimas: Zu langweilig. Es gibt ja auch Sachen an Berlin, die nicht so gut sind.

Markus Berges: Vielleicht könnte man es romantisieren. Die Latte-Macchiato-Mütter ... ist aber schwer.

Naja, die sind verlassen, geschieden, alleinerziehend, sitzen in den Cafés und haben kein Geld und nichts zu tun.

Ekimas: Mir ist aufgefallen, dass die Spielplätze hier voller Kinder und Mütter sind, aber keine Väter dabei sind. Ich finde das sehr seltsam. Aber romantisch ist das eher nicht.

Habt ihr eine Lieblingslandschaft, in Deutschland oder sonst irgendwo?

Markus Berges: Ich könnte nicht von einer Lieblingslandschaft sprechen. Es gibt so viele. Gerade in Deutschland, wenn wir so durch die Gegend fahren.

Christian Wübben: Oft rufen wir laut: Oah, ist das schön!

Ekimas: Wie hieß das noch, wo wir neulich waren, hier im Osten, in Brandenburg?

Markus Berges: Märkische Schweiz.

Wolfgang Proppe: Da hat es uns sehr gut gefallen.

Ekimas: Das ahnt man gar nicht, wenn man immer nur im Westen gewesen ist, dass es da so was gibt.

Mit Markus Berges, Ekimas, Wolfgang Proppe und Christian Wübben sprach Hubertus Volmer