Stuttgarter Zeitung

Erdmöbel sind wahre Dichter

Mirko Weber, 21.09.2011

Köln - Frauen ansingen, sie besingen zumal, ist ein schwieriges Kapitel, namentlich in der Musikgeschichte, schließlich leben wir nicht mehr im Mittelalter: "So wol dir, wip, wie reine ein nam!/wie sanfte er dich z'erkennen und ze nennen ist!" (Wohl dir - Frau! -, welch reines Wort!/Wie sanft es zu erfassen und zu nennen ist!"). So dichtete Herr Reinmar, am Rhein geboren, um 1200. Schön.

Nun jedoch Herr Markus Berges, welcher der Sänger und Gitarrist von Erdmöbel (ehemals DDR-Deutsch für Sarg) ist, einer Münsteraner Band, dort 1995 als Nachfolgeformation von The Coffins gegründet und bald darauf kollektiv in Köln ansässig geworden. Vorgegeben übers Klavier ist eine hübsche Zwölftonverbindung, der danach als Loop im Lied ewig die Perlen auf die Schnur gezogen werden. Und nun, wie schon angekündigt, Herr Berges:

"Ach, wie gut sie geht!

In neuen Buffalos

und über ihr

der blaue Himmel..."

Das Lied heißt der "Der blaue Himmel", hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel, wurde jetzt noch einmal neu beatmet und schmückt ganz trefflich am Anfang die neue CD von Erdmöbel, die "Retrospektive" heißt und auch eine ist, schließlich schaut sie zurück auf alles, was vorher geschah, also bevor Erdmöbel ein klein wenig berühmt geworden ist - eine Woche war "Krokus", die letzte CD, mal unter die ersten siebzig in die Charts gehüpft.

Plastikhochplateauturnschuhe

Aber Buffalos? Buffalos sind diese Plastikhochplateauturnschuhe, man muss erstmal darauf kommen, und jetzt stiefelt also diese Frau durch die Gegend, steht sicher im Schuhwerk drin, und über ihr, man hat das schnell drauf und summt bereits leise mit, na?, "der blaue Himmel" - genau. Worauf Markus Berges, als ob die Dinge nicht schon fein genug wären (mittlerweile ist ein Bläsersatz dazugekommen), einen Begriff einführt, den man meint, in den siebziger Jahren das letzte Mal gehört zu haben. Er sagt und singt, dass die Frau "gut gebaut" sei. Bevor aber eine/einer dächte, das sei nun aber doch das Allerletzte in einem Liebeslied, gewinnt das Bild buchstäblich an Größe. Wie gut gebaut nämlich ist diese Frau?

"Wie ein Hochhaus im Frühling", echot es wieder und wieder - und dann kommt der geniale Zusatz: "mit Lift". Mit Lift! Wer da nicht hin ist...

Neunzehn Lieder aus fünfzehn Jahren sind auf "Retrospektive" versammelt, und wenn man die Dinge von Anfang an mitdenkt, also von Titeln wie "Das Ende der Diät" oder "Erste Worte nach Bad mit Delfinen", dann wird klar, dass Erdmöbel, weitgehend unbemerkt, mit einer eigenen Poetik angetreten ist. Mochten andere deutsche Bands mit lyrischem Potenzial widerständig auf die Straße gehen (Tocotronic) oder zumindest im Protest ihr reiches Innenleben pflegen (Blumfeld), lebt Erdmöbel zwar ebenfalls öfter im Unfrieden mit den Verhältnissen, hört und fühlt aber doch stets das Gras wachsen: ihre romantische blaue Blume findet sich zwischen den Gleisen, die Berges gerne besingt: "Morgenrot über den Kaminen/Butterbrotpapier zwischen den Schienen..." Auf seinen Wegen durchs Alltägliche, dem er immer etwas abgewinnen kann, kommt Berges einmal zu stehen in einem Zug namens Niederrheinexpress, "kurz hinter Geldern, in leeren Feldern", über die sich vor ein paar Jahren der Orkan Emma hergemacht hat. Und es rauschten die Wälder, "Wälder", wie Berges fortsetzt, "in Nordrhein-Westfalen", was sich viel lakonischer anhört, als es gesungen klingt. Und überhaupt dürfte es das erste Mal gewesen sein, dass in einem Popsong der sperrige Name dieses Bundeslands auftauchte.

Die Richtung ist benannt

Wenn Berges, von Haus aus Germanist, erwähnt, dass ihm Rolf Dieter Brinkmann noch etwas sage, ist zumindest eine Richtung benannt, in die sich die Dichtungen von Erdmöbel entwickeln: Brinkmann hat als Autor in den sechziger, siebziger Jahren - hauptsächlich in Köln - schonungslos realistisch auf Alltag und Müll geschaut. Berges sieht das alles auch - und es bleibt einem in Köln, der deutschen Patchworkstadt schlechthin in vielerlei Hinsicht, ja auch gar nichts anderes übrig. Beispielsweise packte ihn fast biblischer Zorn nach dem Einsturz des Stadtarchivs. Es entstand der Song "Fremdes", wo Köln vergleichsweise heftig sein Fett wegkriegt: "Fremdes, Billiges, Lautes und Grässliches" klappert und "kantappert" es da umeinander, und dann stellt sich die Frage, warum es am Rhein so schön ist, fast nicht mehr.

Andererseits verhelfen Erdmöbel-Texte einigen Wörtern zur Renaissance beziehungsweise erst zur Daseinsberechtigung, die man niemals auch nur im Umfeld eines auch noch so tiefschürfenden Lieds in deutscher Sprache vermuten würde. Dazu gehören Begriffe wie Silageplane, Rhabarberbeete und Böller, die sich auf Propeller reimen: Es sind aus dem großen Sprachparadies verscheuchte Begriffe, Heimatvertriebene sozusagen, und Markus Berges ist so nett und gibt ihnen, getragen von variationsreicher Indiemusik, wieder ein Zuhause. Sonderbar, ja, unfassbar mitunter.

Geist im Gehirn von Berges

Ist es ein Wunder, dass es einen Geist im Gehirn von Berges gibt, der flackert wie "Neon vorm Kaputtgehen"? Bob Dylan. Berges hat notiert, wie er dessen Bild aus Pennebakers Doku "Don't look back" vor Augen hat. Darin setzt sich "Dylan an eine schwarze Schreibmaschine und hackt drauflos, klack, klack, hackt rein, was aus ihm rausmuss. So schreibt er also seine Songs, als wären sie nur Texte." - "Tatsächlich", setzt Berges fort, "haben viele seiner Songs ja so was In-die-Maschine-Gehacktes, so eine Scheißdrauf-Gedankengeschwindigkeit, die einfach frei wirkt, vollkommen unbemüht, mit lauter Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Reimen, die allem immer wieder die Schwere nehmen."

Prompt hat Markus Berges, der mit den Kollegen schon einmal eine ganze CD mit Coverversionen bespielte ("No. 1 Hits"), ein paar Dylan-Sachen übersetzt, aber er will noch ausprobieren, ob sie klingen - und das dauert bei Erdmöbel, das ist anders als beim schnellen Dylan. Schließlich und endlich aber werden diese Sachen mit Genie, Glück und Geschick an jenen Punkt kommen, den Berges verstanden zu haben glaubte, als er zuletzt "nachts, betrunken, auf dem Weg nach Hause in Köln" Dylans "Corrina, Corrina" hörte, von "The Freewheelin' Bob Dylan". Der Text ist nicht doll, er geht "I got a bird that whistles/I got a bird bird that sings..." und so weiter, "but I ain' a-got Corinna/Life don't mean a thing". Frauenverdammung, Frauenanbetung - und Berges schreibt:

"Und plötzlich war ich frei und glücklich, allein auf meinem Fahrrad, mit diesem auf ewig in eine Aufnahme gefrorenem Liebeskummer der ganzen Welt. Ginsberg, Whitman, Kerouac, Rimbaud, Dylan Thomas, Genesis und Offenbarung, Bert Brecht, Lewis Carroll, Baudelaire, Edgar Alan Poe und Shakespeare, selbst Bob Dylan - alle waren still."

Kann man einfach nicht schöner sagen.


Besetzung Markus Berges (Gitarre und Gesang), Ekki Maas (Multiinstrumentalist und musikalischer Spiritus Rector), Wolfgang Proppe (Keyboards) und Christian Wübben (Schlagzeug) bilden die Band Erdmöbel. Am Freitag erscheint die neue CD "Retrospektive" (Edel Records). Frühere Alben tragen Titel wie "Fotoalbum", "Für die nicht wissen wie" und "Erdmöbel versus Ekimas".

Literatur Berges hat einen bei Rowohlt erschienenen Roman geschrieben: "Ein langer Brief an September Nowak". Er handelt von Betti Lauban, die aus dem schönen Warendorf in NRW stammt. Betti Lauban will trotzdem da raus.

Tournee Erdmöbel beginnt seine Herbsttournee in Berlin. Im Reutlinger franz k. gastiert die Band am 31. Oktober.

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