"Erdmöbel" ziehen nach 15 Jahren Bilanz

Erdmöbel legen15 Jahre nach ihrer Bandgründung ein Retrospektive-Album vor. Die Platte dokumentiert eine eindrucksvolle musikalische Reise.

Musik wie ein melancholischer Glückskeks und Songtexte wie von einem anderen Stern: All das macht Erdmöbel aus - und noch viel mehr. Mit gut gemeinten Erklärversuchen ihrer im musikalischen Süßgebäck verpackten Botschaften kommt man bei den vier Grenzgängern aus Köln wohl nicht weit – und genau das hat die Band längst zu einem Phänomen gemacht.

Schon seit mehr als 15 Jahren geht das jetzt so, ihr letztes Album "Krokus" aus dem Jahr 2010 brachte Erdmöbel bei feuilletonistischen Fachkreisen schließlich höchstes Lob ein.

Höchste Zeit also, mit einer "Retrospektive" (Edel) zurückzublicken. "Wir haben unsere Bandgeschichte immer als eher sprunghaft wahrgenommen, auch wenn wir wissen, dass das von außen nicht so gesehen wird", sagt Frontmann Markus Berges. "Wir gehören jetzt wirklich zu den dienstalten deutschsprachigen Bands im Land. Uns interessiert, was neu daran ist, zurückzugucken."

Und auch bei dieser Rückschau tummeln sich Erdmöbel wieder einmal jenseits ausgetretener Pop-Pfade: Ein schnödes Greatest-Hits-Album zusammenzustellen, kann schließlich jeder. "Diese Retrospektive soll nicht die größten Erfolge darstellen, sondern wirklich unseren Werdegang", erklärt Bandkollege Ekki Maas alias Ekimas.

Nachdem sie zuvor alle für gut befundenen Songs zusammengeschmissen hätten, habe er schließlich den Rotstift angesetzt. Dabei seien eben ganz bewusst erfolgreiche Songs wie "Nah bei Dir" oder "Dawei Dawei" rausgeflogen, die aus seiner Sicht schon genug Aufmerksamkeit bekommen hätten.

Zurück blieb letztlich ein Album, das tatsächlich eine eindrucksvolle musikalische Reise dokumentiert. Vom harten Sound der ersten Tage zeugt etwa die launige Nummer "Wurzelseliger", während auf "Au Pair Girl" oder "Vergnügungslokal mit Weinzwang" geradezu jazzig-sanft die Bläser tönen. Andere Songs, etwa "Der blaue Himmel", "Dreierbahn" oder "Fremdes" oszillieren unterdessen irgendwo zwischen Techno, Trance, Dance und Indie-Pop. Dabei fasziniert stets der schwebende Erdmöbel-Klang, unter dem Ekimas' Bassmelodien tänzeln und sich Berges' rau-jugendliche Stimme emporschwingt.

Dass sich in Erdmöbels "Retrospektive" dennoch wie von Zauberhand alle Songs der vergangenen Jahre zu einem großen Ganzen zusammenfügen, macht Staunen. Großen Anteil daran hat daran wohl Berges' so atmosphärische wie anspruchsvolle Lyrik, die alle Songs wie ein roter Faden zusammenzuhalten scheint – ganz egal, ob er auf "Lang schon tot" offenbar eine Nahtod-Erfahrung oder in "Wort ist das falsche Wort" das Polarlicht von Palermo besingt.

Berges vollzieht schließlich die Abgrenzung zur kommerziellen Pop-Maschinerie. "Pop-Musik im schlechten Sinne ist ja etwas, was bedient und was strategisch gemacht wird. Und nur zufällig wird das aus meiner Sicht gut, und nur zufällig wird es Kunst", erklärt er. "Wir bedienen nicht, sondern wir wollen, dass die Leute selbst aktiv werden – so wie in allen künstlerischen Kommunikationszusammenhängen auch."

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